Waldbühnen-Konzert mit Barenboim : Fest unter Freunden

Unter mildem Abendhimmel: Martha Argerich, Daniel Barenboim und das West-Eastern Divan Orchestra werden in der Berliner Waldbühne gefeiert.

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Filigranes Spiel. Martha Argerich spielt Liszts Erstes Klavierkonzert in der Waldbühne. Foto: DAVIDS/Sven Darmer
Filigranes Spiel. Martha Argerich spielt Liszts Erstes Klavierkonzert in der Waldbühne.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Verständigung ist das Gebot der Stunde – zwischen Völkern, Kulturen, Familien. Das von Daniel Barenboim gegründete und geleitete West-Eastern Divan Orchestra, aus israelischen und arabischen Musiker formiert, steht wie kein zweiter Klangkörper für den Dialog, der aus dem Engagement für die europäische Klassik erwächst. Schon das ist ein riesiger Schritt, ist die arabische Musiktradition doch so ganz anders geartet als die europäische. Und nun auch noch ausgerechnet Wagner! Gegen Protest setzte Barenboim es durch, seine Musik in Israel aufzuführen, wo sie aus verständlichen Gründen verpönt war – immerhin war Wagner posthum Ideenlieferant für die Nazi-Ideologie. Die Diskussion darüber hält an, doch Barenboim ging es um die Vermittlung großer Kunst.

In der Waldbühne – liebgewordene Station der alljährlichen Sommertournee des Orchesters – zeigt der Maestro einmal mehr, dass das „Werk klüger ist als sein Autor“: Alle Behäbigkeit, alle bräsige Deutschtümelei und Selbstzufriedenheit ist der Musik ausgetrieben, es bleiben vielschichtige Klänge voll Fantasie, widerstreitenden Emotionen und überbordender Orchestervirtuosität.

Die „Tannhäuser“-Ouvertüre beginnt mit weich intoniertem „Pilgerchor“, dem sich das „Venusberg“-Motiv in spritziger Leichtigkeit der verschlungenen Figurationen enthebt – wenn der „Chor“ von heftig abwärtsstürzenden Bewegungen umspielt wieder erklingt, ist nichts mehr, wie es war. „Siegfrieds Rheinfahrt“ wird zum Klangfarbenrausch, in dem samtige Streicher, weiche Hörner und strahlende Trompeten punkten können; der „Trauermarsch“ dagegen zum Höhepunkt dramatischer Ausdruckskraft. Wie Barenboim zu steigern weiß, zurücknimmt, Schichten freilegt, Transparenz erzeugt, das zeigt vollends die „Meistersinger“-Ouvertüre, ein Wunder an Melodienreichtum, polyphoner Beziehungen, Lebendigkeit, Beweglichkeit – diesen Überschwang an Glanz und Freude erfinden Barenboim und sein ihm begeistert zuspielendes Orchester in diesem Augenblick ganz neu.

Erst bei Wagner unter dem friedlichen Abendhimmel wird es still

Doch vor dieses enthusiastisch bejubelte Musikereignis, in dem sich wenigstens alle Töne verschwistern und umarmen, haben die Zeitläufte denn doch ihre Zeichen gesetzt. Von entspannter, familiärer Picknick-Atmosphäre ist in der Waldbühne nicht mehr viel zu spüren. Taschenkontrollen erzeugen ein Gedränge, das einem schon Angst und Bange machen kann. In der Pause hat die Mitteltreppe aus unerfindlichen Gründen frei zu bleiben, schwarzgewandete Zerberusse verstellen unerbittlich den Weg. Das ist beklemmend. Umso erfreulicher, wie freundlich und diszipliniert die Besucher miteinander umgehen. Trotzdem herrscht eher Unruhe – erst bei Wagner unter sich verdunkelndem, friedlich beleuchtetem Abendhimmel wird es ganz still.

Martha Argerichs filigranes Spiel hat es schwer bei der Tonübertragung

Das Konzert mit dem glanzvollen Schlusspunkt hat es schwer, in die Gänge zu kommen. Jörg Widmanns einleitendes Orchesterstück „Con brio“ ist wenig zur Einstimmung auf den Dialoggedanken des Gesamtprogramms geeignet: Anklänge an Beethovens 7. und 8. Sinfonie blitzen hier immer wieder auf, werden durch heftige Dissonanzen von Blech und rasselnder Pauke zerrissen oder verenden in Atemgeräuschen der Holzbläser und zischelndem Bogenschlagen – ein komponierter Zerfall.

Die Leidtragende ist die große Martha Argerich. Ihre filigrane Interpretation des Klavierkonzerts Nr. 1 von Franz Liszt – Wagners Schwiegervater! – trifft auf kühle Atmosphäre, ist außerdem bei der Tonübertragung nicht gut aufgehoben. Die donnernden Oktaven verschwimmen auf diese Weise, das Piano ist oft über Gebühr leise, um plötzlich unmotiviert herauszuknallen; vieles von ihren leichtfüßigen Arpeggien und glitzernden Trillerketten geht im keinesfalls zu lauten Orchesterklang unter. Der Klavierton bleibt hart und kalt – ein Jammer, wüsste man es von dieser großen Virtuosin nicht besser. Dabei musiziert sie mit Barenboim im besten Einvernehmen, es kommt zu zarten Dialogen mit Klarinette und Solovioline. Inseln der Poesie, die auch in der vierhändigen Ravel-Zugabe entsteht – ein herzerwärmender Dialog unter Freunden.

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