Kultur : Waldemar Otto: Haut und Hülle

Michael Nungesser

Mensch, Figur, Körper - Haut: die humane Hülle stellt für Waldemar Otto die Membran dar, die Innen und Außen, Subjekt und Objekt trennt. Sie ist eine Scheidelinie von nachhaltiger plastischer Konsequenz. In seinen neuen Werkgruppen aus Bronze, entstanden in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, lässt sich diese Reduzierung der Form, die Konzentration auf das Wesentliche der menschlichen Gestalt, beobachten. Zugleich dominieren in den weiblichen Torsi mit den "Vier Jahreszeiten" als Untergruppe und mehr noch in der Reihe "Mensch und Maß" das Elementare und Meditative. Fast wäre man versucht, von Abgeklärtheit zu sprechen, wüsste man nicht von drängenden Kräften in den Figuren früherer Etappen.

Waldemar Otto, 1929 im polnischen Petrikau geboren, kam nach dem Zweiten Weltkrieg über Halle nach West-Berlin und studierte an der Hochschule für die Bildenden Künste bei Alexander Gonda. Trotz dessen zeittypischen kristallinisch-abstrakten Skulpturen, blieb Otto beim Figürlichen. Nicht zuletzt über kirchliche Aufträge fand er zu expressiven "Gestalten äußerster Verletztheit". Zur Figur traten abstrakt-geometrische Kontrastelemente hinzu, die - in Worten des Künstlers - ihre "unentrinnbare Abhängigkeit von dem außen" verkörperten. Ottos Plastiken bahnten sich ihren Weg in den öffentlichen Raum: der Neptun-Brunnen in Bremen, das Heine-Denkmal in Hamburg oder das "Mahnmal für die Opfer des NS-Terrors" in Bremerhaven.

Auch in der Serie "Mensch und Maß" stehen sich Figur und Außenraum, der auf geometrischen Formen verknappt wird, gegenüber. Während früher die Figuren - zwischen Wänden, im Gerüst oder Kasten, in der Enge oder aus der Enge heraustretend - vom Außen in seiner "technoiden Rechtwinkligkeit" bedroht, getrieben, ja verformt wurden, ins Stürzen und Straucheln gerieten, stehen sie jetzt in einem gleichberechtigten, dialogischen Verhältnis. Schon in "Torso vor Raster" oder "Sockeltorso mit Stab" tauchten ähnliche Formelemente auf. Doch seit "Halbfigur mit drei Vierecken" (27 000 Mark) von 1993, das wohl den Beginn von "Mensch und Maß" darstellt, wird aus dem starren, fast schicksalhaften Gegenüber eine Begegnung.

Noch stehen in einigen Arbeiten dieser Serie (zwischen 3800 und 42 000 Mark) beide Seiten für sich: menschlicher Torso auf der einen, Stab oder Platte auf der anderen Seite. Beide Seiten ruhen in sich, aufrecht und axial, manchmal sogar durch behutsame farbliche Visualisierung unsichtbarer Kräfte aufeinander bezogen. Doch in anderen Arbeiten hat die Figur einen Arm ausgestreckt und umfasst zögernd den Stab. Eine Beziehung deutet sich an. Es ist nicht mehr der vom Leben gebeutelte, sondern der in gelassener Fülle entspannte Mensch. Konkreter Zeitgenossenschaft enthoben, erscheint er als Prototyp eines modernen, planenden Menschen, gleichwohl denkmalhaft vereinzelt, in sich gekehrt, noch ein wenig gebannt von den ihm fremden eigenen Schöpfungen.

Auch in der Werkgruppe der "Weiblichen Torsi" (zwischen 4500 und 38 000 Mark) und in den die Jahreszeiten verkörpernden Torsi "Flora", "Sommer", "Herbst" und "Winter" (zwischen 4200 und 9500 Mark) vertraut Otto auf die Aussagekraft der Körperhülle, auf der Gliedmaßen, Gesichtszüge, Brust oder Geschlecht als zarte Ritzungen nur angedeutet sind. Alle Wirkung geht von ihr aus, jenseits idealer oder konsumierbarer Wohlproportioniertheit: An- und Abschwellen, Drehungen und Buchtungen, Verfärbung und Patinierung. Ein sensibles, lustvolles Formspiel, das bis zum Äußersten des reinen Körpermantels geht. Immer aber bleibt die Integrität des Leiblichen als Maß existenzieller Befindlichkeit erhalten.

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