Waldsee : Skulpturengarten eröffnet

Wenn die Natur zum Museum wird: Das Haus am Waldsee eröffnet offiziell seinen Skulpturengarten. Tatsächlich aber ist der Garten seit Jahren organisch gewachsen.

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Im Wartestand. Michael Sailstorfers Nachbau einer Bushaltestelle heißt „Wohnen mit Verkehrsanbindung“. Außerdem im Skulpturenpark im Haus am Waldsee: die „Trümmerbahnen“ von Ina Weber, daneben die „Lingaphone“-Skulpturen von Olav Christopher Jenssen. Francis Zeischeggs’ „Jagdschutzholzstapel zur Beobachtung von Wilderern“ fügt sich am unauffälligsten in die Umgebung (Foto unten) . Fotos: Thilo Rückeis
Im Wartestand. Michael Sailstorfers Nachbau einer Bushaltestelle heißt „Wohnen mit Verkehrsanbindung“. Außerdem im Skulpturenpark...

Der See riecht nach Süßwasser, Jasminduft weht vorüber. Und wo steckt die Kunst? Im Schilf! Der österreichische Komponist Peter Ablinger hat die Böschung am Ufer bepflanzen lassen, um die Sinne für die Klänge der Bäume zu schärfen. Eichen rauschen, Weiden rascheln, Buchen raunen.

Offiziell wird der Skulpturenpark rings um das Haus am Waldsee erst am Abend eröffnet, gemeinsam mit der Ausstellung „Alloro. Acht Preisträger der Villa Romana“. Tatsächlich aber ist der Garten seit Jahren organisch gewachsen. Die „Shy fountain“ von Simon Faithfull kennen regelmäßige Besucher bereits. Die sprudelnde Fontäne zieht sich unter die Wasseroberfläche zurück, sobald sich etwas am Ufer bewegt. Bei Faithfull kann die Natur dem Menschen entkommen.

Im Park will Katja Blomberg, die Leiterin des Zehlendorfer Hauses, neue Entwürfe für Skulpturen zeigen. Eine Flügelsäule von Karl Hartung aus den Jahren 1960/61 verkörpert die Tradition: die Stele auf dem Sockel. Davor hat Ina Weber, Schülerin von Martin Kippenberger, eine Minigolfbahn aufgebaut. Besucher können die Bälle durch eine Trümmerlandschaft schlagen.

Die unberechenbare Natur und der kalkulierte künstlerische Eingriff, in diesem Gegensatz liegt der Reiz der ausgeklügelten Gartenanlage. Das „Meteophon“ des Niederländers William Engelen nutzt Sonne, Wind und Regen, um ein Konzert zu komponieren. Engelen hat an einem Bauwagen eine Wetterstation angebracht, die aktuelle meteorologische Daten misst. Der Computer im Inneren des Wagens vergleicht die Koordinaten des Augenblicks mit den Mittelwerten der vergangenen zehn Jahre. Je größer die Abweichung, desto wilder die Klänge. Da erhebt sich ein Sturm im Bauwagen. Frösche quaken, Wildschweine grunzen, ein Gärtner singt. „Die Leute denken immer, früher war alles besser“, sagt Engelen. „Hier kann man hören, dass das nicht so ist.“

Später wird auch nicht alles besser. Das Leben im Wartestand verdichtet sich in einer Bushaltestelle von Michael Sailstorfer mit dem Titel „Wohnen mit Verkehrsanbindung“. Noch während seines Studiums hat Sailstorfer 2001 vier Haltestellen einer Buslinie in seiner bayerischen Heimat mit Bett, Waschbecken und Campingtoilette ausgestattet. Als Kind hatte er in den Unterständen auf den Schulbus gewartet. Jetzt freut er sich, dass seine Häuschen „auf Reisen gehen“. Die „Haltestelle Großkatzbach“, die jetzt vor dem Berliner Kunsthaus steht, vermittelt das Gefühl von Stillstand. Das ganze Leben ist eingerichtet in Erwartung des Großen, das niemals kommt. Eine „Skulptur, die sich ausdehnt“, erhofft sich Sailstorfer. Seine Häuschen halten unsichtbar Verbindung zu den anderen Stationen der Linie.

Wachsen soll auch der Skulpturenpark. Nach der Vision von Katja Blomberg könnte man den Zaun zum angrenzenden Haus der Jugend öffnen, das ebenfalls dem Bezirk Zehlendorf gehört. Bisher ist der Plan aber am Widerstand des Bezirksamts gescheitert, der sich am Alkoholausschank im Museumscafé festmacht. Doch auch jetzt schon ist im Park ein vergnüglicher Rundgang gewachsen, bei dem man genau hinschauen muss, um die Kunst zu entdecken. Das Ganze entstand mit minimalem Etat. Die meisten Werke sind Leihgaben oder Schenkungen, Schilder fehlen, weil keine Mittel vorhanden waren.

Dass Geld keine Kunst macht, beweist ein anderer Kunstgarten: der Skulpturenpark rings um die Villa Schöningen, der gleich hinter der Glienicker Brücke in Potsdam liegt. In dem klassizistischen Baudenkmal von 1843 hat der Hausherr, Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner, ein „Museum zur deutsch-deutschen Grenze“ eingerichtet. Für den neu angelegten Garten ließ er sich vom Frankfurter Museumsdirektor Max Hollein beraten. Steil aufgerichtet begrüßt der „Flatus“, eine raketenartige Metallplatten-Skulptur von Franz West, die Besucher. Der Parcours führt von Phallus zu Kanonenrohr zu Schießgewehr und endet beim blauen Mann von Chris Ofili, der einen Haufen Gold in die Welt setzt. Die Liste der Künstler wirkt wie ein Kniefall vor dem Zeitgeist. Mit Anselm Reyle, Thomas Schütte, Jonathan Meese sind aktuelle Szenestars vertreten. So gezähmt erscheinen Kunst und Natur, dass sich der Besucher anschließend über das Unkraut auf der nächsten Brache freut.

Ein museal ambitionierter Park, ein Kunstgarten des potenten Bürgertums – und eine Projektruine: Der Skulpturengarten des Schöneberger Auguste-Victoria-Klinikums, öffentlich zugänglich, wirkt in diesem Vergleich konventionell. Und doch zeugt er von einer rar gewordenen Großzügigkeit des Gemeinwesens. Hier stehen Plastiken, die der Berliner Senat 1980 für einen geplanten Skulpturengarten ankaufte. Viele Werke sind von der Zeit geprägt: ein Kopf von Rainer Kriester, ein Stahlrohrpaar von Rüdiger Preisler. „Auf hoher See“ heißt eine Plastik von Pomona Zipser inmitten von Rosen und Lavendel. Doch die Natur ist vergänglich, während die Bronze allen Stürmen trotzt. Früher war nicht alles besser, später wird nicht alles gut. Es zählt der Augenblick.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30 (Zehlendorf). Ab dem morgigen Sonnabend tgl. außer Mo. 11–18 Uhr, Mi. bis 20 Uhr. Villa Schöningen, Potsdam, Berliner Str. 86, Do./Fr. 11–18 Uhr, Sa./So. 10–18 Uhr, Skulpturengarten bis 21 Uhr. Auguste-Viktoria-Klinikum Schöneberg, Rubensstr. 125

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