Kultur : Walter Höllerer nachgerufen Von Günter Grass

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Ein schief in der Gegend stehender Vogel,

der sich aus Bayern

nach Preußen verflogen hatte, lachte,

daß den Bäumen im März schon

die Knospen sprangen, lachte mit Echo

und notfalls die Linden frühzeitig gelb.

Fuhr meist auf Nebengleisen,

hielt an verkrauteten Bahnhöfen,

die Grabbe, Kleist, Niebergall und Jean Paul hießen.

Ich stieg mit ihm aus, verweilte,

während er schon woanders.

War mal hier, mal da,

spuckte reimlos gereimt Kirschkerne,

aber auch Vierzeiler, Langzeiler,

raffte Gedichte aus aller Welt,

die praktisch nicht Sinn machten

aber schrecklich und schön -

transit ihren Weg suchen.

Hatten später gedruckt ihren Preis.

Als Berlin vermauert am Tropf hing,

hüpfte er quicklebendig

in die Schwangere Auster

und verkündete lauthals

des Überlebenskünstlers Poesie

saalsprengenden Auftritt.

Er lehrte uns hochstapeln

und tanzen auf einem Seil,

aus Wörtern gezwirnt.

Und sparte nie.

Geld gab er aus, zwölfhändig.

War aus Prinzip Verschwender.

Und alle zehrten von ihm:

heillose Dichter, frommeBuchhändlerinnen, die Stadt, die nicht wußte,

wie ihr geschah.

Ach, wie sie ihm zu Füßen saßen,

wenn er die Götter - frisch- und altbacken - vereinzelt oder in Gruppen auftreten ließ; denn alle kamen,

gelockt von Schrägvogels Ruf.

War zugleich Projektemacher,

Akzentesetzer, Silbenstecher,

Stifter, Gründer und Freund.

Viele Kostüme trug unser Vogel,

der Walter hieß,

dem im Ticktack der Elefantenuhr

die Zeit und schließlich die Laune verging, doch dessen Lachen uns glauben machte,

es gäbe - mit violetter Tinte geschrieben - dasParadiesundinihmungezähltvieleVögel, darunter seltsam schräge.

Günter Grass las dieses Gedicht bei der Beerdigung seines Freundes Walter Höllerer auf dem Berliner Waldfriedhof Heerstraße am vergangenen Mittwoch. Der Literaturwissenschaftler, Dichter und Begründer des Literarischen Colloquiums Berlin war am 20. Mai gestorben.

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