Kultur : Wanderbilder

Migration im Film: eine Europa-Konferenz

Christiane Peitz

Es gibt keine Enklaven mehr und keine glücklichen Stämme, sagt der israelische Filmemacher Amos Gitai zum Auftakt der Berliner Konferenz „Migration in the Movies“: Anlässlich ihrer 20. Preis-Gala hatte die Europäische Filmakademie zur Diskussion ins Kino Babylon-Mitte geladen. Abgesehen davon, dass das Unglück bekanntlich auch in Monokulturen haust, bestätigen die Podiumsteilnehmer Gitais Diagnose von den Multi-Identitäten und der vielfachen Verbundenheit aufs Trefflichste. Die französisch-libanesische Filmemacherin Jocelyne Saab nennt sich transnational, ihr Kollege Danis Tanovic aus Bosnien-Herzegowina betont, dass er auch belgisch sei, seit er in Belgien gelebt hat. Und „Persepolis“-Regisseurin Marjane Satrapi, die im Iran geboren ist und mit österreichischem Abitur in Frankreich studiert hat, freut sich über die drei Stühle, zwischen denen sie sitzt. Ungemütlich seien sie schon, aber die Wahlmöglichkeit schätzt sie sehr.

Migration im Kino: Das ist das französische cinéma beur, sind Inder und Pakistani im britischen Kino, die türkisch-stämmigen Deutschen, Fatih Akin oder Filme wie „Wut“ und „Knallhart“. Der Neuköllner Rütli-Rektor Alexander Dzrembinski berichtet, dass viele Zehntklässer später am liebsten „Hartzer“ werden, d.h. von Hartz IV leben wollen. Er wünscht sich Kinohelden, die andere Sehnsünchte haben. Das temperamentvoll Selbstbewusstsein des „Knallhart“-Schauspielers Oktay Özdemir spricht dafür, dass es diese anderen Migrantenkinder längst gibt. Noch zu Zeiten von Özdemirs Eltern wäre undenkbar gewesen, dass da einer mit Hut auf dem Podium sitzt und cool konstatiert: „Wenn die Politiker geizig sind und die Straße nicht fördern, bin ich es auch und spiele eben nur den bösen Türken.“

Am Morgen, zu Beginn der Konferenz, klingt Europa noch recht melancholisch, am Nachmittag verbreitet Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit gute Laune und freut sich über die Migration der Ideen als produktive Herausforderung für Filmemacher und Künstler. Erstaunlich jedoch, wie oft bei der Debatte über die multikulturellen Bilder Europas die Rede auf den Islam kommt, auf den Kopftuch- und den Karikaturenstreit sowie das Bild des auf offener Straße ermordeten Filmemachers Theo van Gogh, das dem niederländische Soziologen Paul Scheffer die Grenzen seiner Toleranz bewusst gemacht hat. Ein stiller Clash der Kulturen findet sogar live auf dem Podium statt, als Moderator Thierry Chervel („Perlentaucher“) von der MTV-Designerin Katja Fuhrmann wissen will, was sie angesichts einer Burka empfinde, die ja die Negation jeglicher Mode sei. So etwas sollte man besser nicht fragen, antwortet stattdessen Jocelyne Saab, das sei ein Klischee. Hier endet sie, die gepriesene fantasiebereichernde Koexistenz der Bilder: In dem Moment, in dem das Fragen unerwünscht ist. Christiane Peitz

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