Kultur : Wanderers Widerstand

Hugenotten und andere Migranten im Deutschen Historischen Museum

Thomas Lackmann

Den Stein mit der eingeritzten Schrift „resister“ soll Marie Durand in ihrer Zelle hinterlassen haben. Mit 15 Jahren war die Tochter eines Gemeindeschreibers am 14. Juli 1730 in einem Gefängnisturm in der Camargue eingesperrt worden, weil sie sich weigerte, dem protestantischen Glauben abzuschwören. Vater, Ehemann und Schwester werden ebenfalls inhaftiert. Ihr Bruder, ein Untergrund-Prediger, wird 1732 hingerichtet. Nach 38 Jahren wird sie freigelassen. Einen Gipsabdruck ihrer Botschaft vom Widerstand des Individuums, das aus Treue zu sich selbst bereit ist, alles aufzugeben, zeigt die Hugenotten-Ausstellung des Deutschen Historischen Museums: Reliquie einer Glaubensheldin.

Für andere heißt „resister“: das eigene Leben nicht chancenlos vergeuden. Nicht aufgeben. Zur Geschichte der Verfolgung evangelischer Franzosen, ihrer Anpassung und ihres Überlebens im Exil gehört auch die Verbindung des reformierten Herzogs Henri von Navarra mit der katholischen Königstochter Margarete von Valois, 1572 in Paris. Der politischen Hochzeit folgte ein Massaker, dem tausende Protestanten zum Opfer fielen. 1588 wird Henri Thronfolger und nimmt den römischen Glauben an. Sein Toleranz-Edikt von 1598 garantiert Glaubensfreiheit. 1610 ermordet ihn ein katholischer Fanatiker. Henris absolutistischer Enkel Louis XIV. verbietet 1685 jede Abweichung von der Staatsreligion. Protestantische Kirchen werden abgerissen. Marie Durand stirbt an ihrem Geburtsort, acht Jahre nach dem Ende der Haft. 150000 Hugenotten fliehen ins Ausland.

Warum verlassen Menschen ihre Heimat? Das DHM widmet sich den Hugenotten unter dem Obertitel „Zuwanderungsland Deutschland“ – und eröffnet parallel die Schau „Migrationen 1500–2005“. Während das Schicksal der Franzosen mit Tapisserien und Goldschmiedearbeiten auf 1200 Quadratmetern ausgebreitet wird, drängt sich die enzyklopädische Darstellung hiesiger Wanderungen von den Glaubenskriegen bis zur Gegenwart der Identitäts-Diskurse auf halb so viel Platz. Neue Leitkulturdebatte, schwindende Einbürgerungszahlen: Das Doppelprojekt passt zur Tagesaktualität. Dabei wird der Begriff Zuwanderer weit gedehnt; dazu zählen Glaubensflüchtlinge aus Holland und Böhmen, Juden aus Portugal, osmanische „Beutetürken“, italienische Wanderhändler, Handwerksgesellen, Bettler, Zigeuner, Arbeitsmigranten, „Schwabenkinder“ aus Tirol und Vorarlberg, die Ostjuden, ferner Weltkriegsgefangene, Zwangsarbeiter, displaced persons nach 1945, Vertriebene, BRD-Gastarbeiter und DDR-Flüchtlinge.

Nur wenige biografische Begegnungen berühren bei diesem Überflug: das Tagebuch eines wegen der falschen Konfession beruflich abgedrängten elsässischen Kannengießers aus dem 17. Jahrhundert oder die Untersuchung des Lynchmords an einem Bettler im Herzogtum Schleswig 1727. Für die Hugenotten-Schau spielt das Scheitern kleiner Leute keine Rolle, obwohl viele Emigranten Jahrzehnte durch Europa irrten, bevor sie Fuß fassen konnten. Doch ihre Gedenkkultur hat nur die Glücks-Karrieren überliefert. Als Unternehmer, Strumpfwirker, Perückenmacher, Gold- und Waffenschmiede werden Hugenotten von den protestantischen Staaten Hessen, Franken, Brandenburg-Preußen mit Privilegien gelockt: Sie gelten als Garanten des Aufschwungs und Pioniere eines feineren Lebensstils.

Den Integrationserfolg repräsentieren Familien, die bald zur Elite gehören. Als Verleger und Juweliere, wie die Reclams; als Staatsdiener, wie die de Maizières – bis zu Lothar, dem DDR-Premier und seinem Onkel Ulrich, dem Generalinspekteur der Bundeswehr. Die Nachkommen Daniel Chodowieckis, der von einem polnischen Theologen und einer hugenottischen Mutter abstammt, werden Künstler und Gelehrte. Das Gemälde „Familie Felix Du Bois-Reymond“ von 1832 zeigt seine Enkelin Wilhelmine mit ihrem Schweizer Gatten in deren Berliner Salon. Rechts die Büste Chodowieckis, in dessen Mappe die Urenkelinnen Opas Radierung zu einem Anti-Hugenotten-Prozess betrachten. Links die Harfe der Oma und ein Selbstbildnis der Mutter Suzette. Der 14-jährige Emil am Tisch wird später Begründer der Elektrophysiologie, Rektor der Berliner Universität und der Akademie der Wissenschaften. In diesem Salon heißt „resister“: nicht vergessen. Noch spricht man Französisch. Am Boden liegen Dominosteine. Die Identität der Wanderer ist ein Spiel der Erinnerung.

„Zuwanderungsland Deutschland“ und „Migrationen 1500 – 2005“: Deutsches Historisches Museum Berlin, bis 2. 2. 2006, täglich 10–18 Uhr

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