Kultur : War alles nur ein Bluff?

„Poker im Osten“: ein Festival in Berlin

Christine Wahl

Vor zwei Jahren, auf dem Höhepunkt der „Ostalgie-Shows“ und der Spreewaldgurken-Seligkeit, hatte ein Hamburger Unternehmen einen „DDR-Fun-Park“ auf dem Reißbrett. Auf zwölftausend Quadratmetern sollten die Besucher Ostprodukte kaufen, Trabant fahren und Schlangen vor Restaurants mit dem Hinweisschild „Sie werden platziert!“ bilden, um nach stundenlanger Wartezeit in schlechte Schnitzel zu beißen.

Die Auftakt-Performance zum zehntägigen Festival „Poker im Osten“, in dem sich das Berliner Hebbel am Ufer zum15. Jahrestag der Wiedervereinigung mit den west-östlichen Transformationen auseinandersetzt, hat dieses Projekt nun zur späten Vollendung gebracht. Wie in einem Karussell sitzen die Zuschauer auf der Drehbühne im HAU 1 und lassen sich von der Truppe Cheap und der amerikanischen Dragkünstlerin Vaginal Davis durch ein Disneyland der abgehalfterten Mythen kutschieren Hier rauschen DDR-„Personaldokumente“ über Monitore und marxistisch-leninistische Krüppelverse aus Lautsprechern, während Trägerinnen der sowjetischen Fahne mit Strapsen ums Karussell hüpfen und Kopulationsversuche in gereckten Fäusten mit dem Bekenntnis „I was a Member of the Communist Party“ ihren hechelnden Höhepunkt finden.

Die Exekution des Klischees durch seine ausgesucht geschmacklose Überhöhung, das ironische Jonglieren mit den Stereotypen als Befreiungsschlag gegen Vereinnahmungen: So kann Cheaps Performance „It Happened to Me – a Revolutionary Horror Ride" als programmatischer Festival-Auftakt gelten. Doch ist das weit verbreitete Klischee-Bashing eine vergleichsweise leichte Übung mit erhöhtem Beliebigkeitsverdacht. Interessanter und schwieriger wird das Unterfangen, wenn man sich fragt, was möglicherweise daran oder dahinter ist. So wie die Autorin und Regisseurin Gesine Danckwart, die auf Arbeitsämtern, Volksfeierlichkeiten und still gelegten Bahnhöfen in der ost- wie westdeutschen Provinz recherchierte, dann allerdings unter dem Motto „Soll:Bruchstelle“ ein künstlerisch eher enttäuschendes Ergebnis präsentierte.

Einen überzeugenden Beitrag lieferte Hans-Werner Kroesinger mit seiner Arbeit über die Treuhandanstalt „Zu treuen Händen – ein Passagenwerk“. Kroesingers dokumentarische Performance spielt mit der historischen Distanz: Zurückversetzt in deren Gründungsphase, werden die Zuschauer zu Teilnehmern einer Präsentationsveranstaltung der Treuhand und hören das hehre Gebot der Stunde: „Schnelle Privatisierung, entschlossene Sanierung, behutsame Stilllegung.“ Texte, an deren Rändern beiläufig tief liegende Vorurteile und Ressentiments brutal zu Tage treten.

Beim harten „Poker im Osten“ kommen bis zum 2. Oktober noch auf den Tisch: Patrick Wengenroths „Planet Porno 06 – Die Wiedervereinigung“, das denkwürdige Zeugnisse der Unterhaltungskultur aus Ost wie West ausgräbt, und auch Armin Petras’ Porträt der Grenzstädte Frankfurt/Oder und Slubice „no go home“ mit Berliner Schauspielern und Frankfurter Bürgern. Und zum Abschluss, aus dem ferneren Osten, die 29-Stunden-Leseperformance von Wladimir Makanins Odyssee durchs Russland der Neunziger: „Underground oder Ein Held unserer Zeit“.

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