Kultur : Warm gewickelt

SUSANNE MESSMER

Kaum geht es los, schon ist die schaurige Kälte draußen vergessen.Warme, samtige Farben fluten die Bühne.Sommerliche Sounds schwappen ins Publikum.Es wird immer behaglicher, und als die Sängerin Skye Edwards die Bühne betritt, ist man vollends eingelullt, mit einer Wärmflasche aus Klang versorgt, liebevoll eingepackt und zugedeckt für den Winterschlaf.Die Dämmerstunde kann beginnen, Morcheeba sind da.Obwohl es inzwischen alle wissen, ist man trotzdem baff, wie anders diese Band auf der Bühne ist als auf ihren Alben.Alles ist aufs Nötigste reduziert: Gitarre, Baß, Schlagzeug und Stimme, Stimme, Stimme.Das ist Blues und Mood und die Kunst, wie man einen guten Song schreibt.Der Gitarrist Ross Godfrey steht lässig rum und lächelt ironisch, wirkt aber trotzdem nicht unsympathisch.Ab und zu liefert er ein tolles Solo, das mal wie Country, mal wie Jimi Hendrix klingt.Daß weiter hinten noch einer am Keyboard sitzt und Bruder Paul Godfrey an den Turntables scratcht, ist gar nicht so besonders wichtig.Sitar und Streichersätze fehlen völlig.Der ganze elektronische Klimbim auf der aktuellen CD "Big Calm", von dem es im Booklet stolz heißt, "no factory presets" - kaum mehr hörbar.Würde nur ablenken.Von der Marketingstrategie Trip Hop à la Portishead und Massive Attack, cool Britannia und small towns "that they forgot to bomb" ist zum Glück nichts übrig geblieben.Deshalb klingt an diesem Abend alles so unendlich leicht und selbstverständlich.Skye Edwards, der Blickfang, hat wunderbare rosa Dreadlock-Zöpfe.Ihre Ausstrahlung ist beinahe unwirklich, sie lächelt wie ein Kobold und singt wie eine galaktische afrikanische Soul-Prinzessin: "Our love is all that stands now".Ihr durchgenudelter Witz, das Publikum sei gestern lauter gewesen, kommt trotzdem an im gut gefüllten Saal.Alle schreien lauter.Die Verliebten wiegen sich noch entrückter im Takt.

Morcheeba machen langsame, schleppende Lieder, die dir ins Herz tropfen und dich dann langsam aufsaugen.Es ist unmöglich, sie von außen zu hören.Und trotzdem: Kein einziger Song bleibt penetrant haften, Knalleffekte gibt es nicht.Schlaf, Kindlein schlaf! Das Konzert geht vorbei wie im Flug.Man taucht auf wie aus einem süßen, tiefen Traum.Und plötzlich kommt einem der Gedanke, daß man wohl noch nie derart kurz vor Langeweile, quasi mitten im Vorsichhindösen, so zauberhaft und aufregend um den Finger gewickelt wurde.

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