Kultur : war’s?

Selfmade-Man

aus Amerika

1 Ein Vorzeigeamerikaner wie aus dem Bilderbuch. Nun, vom Tellerwäscher musste er sich nicht zum Millionär hocharbeiten, doch er wurde Ende des 19.Jahrhunderts auch keineswegs mit einem goldenen Löffel im Mund geboren. Obwohl er an Heiligabend das Licht der Welt erblickte. Als eins von acht Kindern eines europäischen Einwanderers und einer Amerikanerin mit deutschen Wurzeln wuchs der Gesuchte in relativ einfachen Verhältnissen im Südwesten des Landes auf. Der Vater hatte seinen Namen mit dem Zuzug in die Neue Welt den neuen Umständen angepasst. Im Kramladen der Familie stellte der Junge schon früh seinen Geschäftssinn unter Beweis. Er hielt es zum Beispiel für eine gute Idee, neben dem Store auch ein Inn, eine Art Gasthof zu eröffnen. Das Ende des Ersten Weltkriegs erlebte er als Soldat in Europa. Vom Schlachtfeld zurück, ging er bald eigene Wege und zog im Alter von 32 Jahren nach Texas. Dort erkannte er die Chance, sich in dem Metier selbstständig zu machen, in dem sein Name heute noch eine gewichtige Rolle spielt. Der Name des schließlich weltweiten Imperiums stand stets für Luxus, auch wenn das Unternehmen mit dem Namen des engagierten Philanthropen im Lauf der Jahrzehnte ein klein wenig vom Glanz eingebüßt hat. Der Gründer starb 1979 und hinterließ einen Großteil seines beachtlichen Vermögens karitativen Einrichtungen. Seine gleichnamigen Erben können jedoch heute gut damit leben.

Ein Komponist, der an die

Tantiemen dachte

2 Selbstverständlich hatte er Verständnis für jene, die sich den Luxus nicht leisten konnten, seine Partituren in der monumentalen Originalbesetzung aufzuführen. Also fertigte er autorisierte Sparversionen für kleine Stadttheater an – wäre ja auch verrückt gewesen, sich aus kleinlichem Komponistenstolz die Tantiemen durch die Lappen gehen zu lassen. Mit den Einnahmen, die ihm seine erste Erfolgsoper – ein Erotikschocker – einbrachten, baute er sich eine Villa auf dem Lande, zeitweilig residierte er herrschaftlich im feinen Berliner Westend. So raffiniert, so verschwenderisch üppig, so luxuriös-schillernd wie er vermochte keiner den modernen Orchesterapparat zu handhaben. Er selber wusste das am besten, und tendierte nach seinen revolutionären frühen Werken auch bald zur eitlen Selbstbespiegelung, richtete sich in der wohlhabenden bürgerlichen Welt ein, lieferte Behagliches, war aus Bequemlichkeit schließlich sogar dem NS-Staat zu Diensten. Ein Problem reicher Leute kannte der geschäftige Komponist übrigens nicht: Für ihn war es nie ein Problem, gutes Personal zu erfinden. In seiner besten Oper spielen gleich fünf Mägde mit.

Ein Patriot, der Hotelier wurde

3 Er war einer der ganz Großen seines Landes, das damals noch von einer auswärtigen Macht beherrscht wurde. Mit Luxus hatte er zunächst nicht viel zu tun – er zog als 14jähriger in die Wirtschaftsmetropole seines Landes, um sein Studium zu absolvieren und danach in das Handelsunternehmen des Vaters einzutreten. 1868 gründete er mit 29 Jahren seine eigene Handelsgesellschaft – der Anfang einer wunderbaren Karriere als Unternehmer und Industrieller. Er hatte recht früh erkannt, dass sein Land nur dann unabhängig werden kann, wenn es auf eigenen wirtschaftlichen Beinen steht. Daher hat er die Industrialisierung vorangetrieben. Als erfolgreichen Geschäftsmann ärgerte es ihn, dass die fremden Herren im Lande ihm und seinen Landsleuten den Zugang zu den ersten Hotels der Stadt verwehrten. Also entschloss er sich, sein eigenes Hotel zu bauen, das sich an internationalem Standard orientierte und in dem er und seine Landsleute sich frei treffen und Geschäfte abschließen konnte. Es war wohl das einzige Luxushotel der Welt, das aus politischen Gründen gebaut worden ist. Einen Teil seines Reichtums gab er in Form von Stiftungen an die Bevölkerung zurück, ein Prinzip, dem die Familie bis heute treu geblieben ist. Eine Stadt ist nach ihm benannt. Als er sich zur Behandlung nach Deutschland begab, starb er dort im Alter von 65 Jahren. Das Hotel an der Wasserfront jener quirligen Metropole ist im vergangenen Jahr wegen eines fürchterlichen Ereignisses in die Schlagzeilen geraten.

Ein Bauernsohn, der aufstieg

4 Auf den ersten Blick hat der Gesuchte mit Luxus im klassischen Sinn überhaupt nichts zu tun – eher mit dem Gegenteil. An materiellen Dingen war ihm nicht gelegen, obwohl es ihm als Sohn vermögender Bauern an nichts gefehlt haben wird. Er ist als Knabe mit 12 oder 13 Jahren, je nach dem, welchem Geburtsdatum man trauen mag, in ein Kloster eingetreten. Zeit hat er im Überfluss gehabt, mehr als uns Heutigen lieb sein möchte. Die Zeit hat er oft unter extremen Bedingungen verbracht, mal ließ er sich 40 Tage einmauern, mal hat er sich dem Schlaf durch Stehen entzogen, ja, er sei sogar auf seinen Wunsch hin mehrfach eingegraben worden. Wegen dieser extremen Askese musste er das Kloster schließlich verlassen. Er wählte einen anderen, höheren Ort, um ungestört beten zu können. Selbst ein Kaiser hat ihn besucht und um Rat gefragt. Sein Zuhause war äußerst minimalistisch, er hat es nicht mehr verlassen. Für die damalige Zeit hatte er ein biblisches Alter erreicht, 69, beziehungsweise 70 Jahre. Nach seinem Tod fand er viele Nachahmer und der Ort, an dem er ausgeharrt hat, ist heute eine Touristenattraktion in einem Land, in dem Moslems und Christen friedlich miteinander leben. Sein Leben hat einen bekannten spanischen Regisseur zu einem kurzen Film inspiriert.

Ein Mann, der Tradition pflegte

5 Er wurde schon in die richtige Familie hineingeboren, denn diese konnte auf eine Tradition der Herstellung erlesener Dinge zurückblicken. Das erlaubte es der Familie, nach Deutschland zu ziehen, wo der Gesuchte seine Ausbildung in Dresden absolvierte. Danach kehrte er in seine Heimatstadt zurück und übernahm das Geschäft des Vaters. Und arbeitete in seinem Metier nebenbei für den Hof. Das weckte das Interesse des Herrschers, der an den Arbeiten des Gesuchten gefallen fand. Der Herrscher besann sich auf einen Brauch seines Landes, zu einem bestimmten Festtag ein bestimmtes kleines Geschenk zu machen. Nur durfte es nicht zu alltäglich wirken. Für seine Frau sollte es schon etwas Besonderes sein. Der Gesuchte hatte die richtigen Mitarbeiter, die den Wunsch des Herrschers so gut erfüllen konnten, dass sie von nun an jedes Jahr das Geschenk herstellten. Im normalen Alltag kann man es nicht gebrauchen, vom Preis ganz zu schweigen. Zum Leidwesen des Gesuchten veränderten sich aber die politischen Rahmenbedingungen in seinem Heimatland so sehr, dass er sein Metier nicht mehr ausüben konnte. Er verkaufte seine Geschäftsanteile an die Angestellten und floh über verschiedene Stationen. Er starb im Alter von 74 Jahren in der Schweiz.

Eine Frau,

die in Saus und Braus lebte

6 Mit mächtigen Frauen springt man in ihrem Land recht rüde um. Auch dann, wenn sie politisch fähig waren und den zeittypischen Pomp entfalteteten, haben Vorurteil wie Geschichtsschreibung die Regentinnen, Königinnen und Mätressen oft zu intriganten Verschwenderinnen umgedeutet. In ihrem Fall allerdings ist das vernichtende Urteil der Forschung auffallend einhellig. Nach dem gewaltsamen Tod des Königs, ihres Mannes, sei sie die denkbar schlechteste Nachfolgerin gewesen, schreibt einer ihrer Biografen. Der König hatte sie seiner Schulden und ihrer großen Mitgift wegen geheiratet – und um den Thronfolger zu bekommen, den es in seiner ersten Ehe nicht gab. Die Kronprinzenfrage war rasch geklärt; die neue Gattin gebar, zeitgleich mit der Niederkunft der königlichen Mätresse, neun Monate nach der Hochzeit den ersten Sohn. Fünf weitere Kinder folgten, doch die Ehe war unglücklich und die Königin, angeblich „unsensibel, ziemlich dumm und unkultiviert“, tröstet sich mit zwei teuren Hobbys: dem Kaufen kostbaren Schmucks und mehr als großzügigen Zuwendungen an ihre Günstlinge. Besonders einer, ein Landsmann aus bescheidenen Verhältnissen, bringt es so zu Reichtum und Macht. Gemeinsam mit ihm soll die Königin die Staatsfinanzen vollends ruiniert haben, als sie nach dem Tod des Königs den rebellierenden Adel nur ruhigzustellen wusste, indem sie kostspielige Privilegien verteilte. Ihr Sohn lässt ihren Favoriten umbringen, und zwingt sie mehrfach ins Exil. Als sie schließlich in ihre Heimat im Süden zurückkehren will, stirbt sie auf der Reise, in Köln.

Ein Gourmet, der führen konnte

7 Schriftsteller, Lebemann, Gastronomiekritiker, Exzentriker von Graden – er hat sein Leben lang daran gearbeitet, sich all diese Bezeichnungen redlich zu verdienen. Als er sein Jurastudium abgeschlossen hatte, lud er zu einem Fest ins Pariser Palais seines Vaters ein und kündigte die „Beerdigung eines Festschmauses“ an; bei einem anderen Essen hockte ein kostümiertes Schwein am Ende der Tafel. Begehrt waren seine literarischen Empfänge mit der Creme der Dichtkunst seiner Zeit; allerdings durfte jeder kommen, der einen anständigen Reim verfassen und 17 Tassen Kaffee hintereinander trinken konnte. Seine Mutter entstammte dem Hochadel, sein Vater besaß als Letzter einer Dynastie von Generalpächtern, also Steuer- und Zolleinnehmern, ein riesiges Vermögen. Doch er selbst wurde mit zwei krallenartig missgebildeten Händen geboren und rebellierte schon früh gegen seine Familie. Nach zahlreichen Skandälchen wurde er in ein Kloster abgeschoben, entdeckte dort seine Leidenschaft für gutes Essen und eröffnete später in Lyon ein Feinkostgeschäft. Nach dem Tod seines Vaters kehrte er nach Paris zurück, veröffentlichte nach und nach acht Bände eines Almanachs, der durch die neu entstehenden Restaurants der Stadt führte, gründete eine Feinschmeckerjury, die ein Gütesiegel vergab, und galt als ebenso bedeutend wie der fast gleichaltrige, heute bekanntere Jean-Anthelme Brillat-Savarin. Nach zahlreichen Prozessandrohungen zog er sich aufs Land zurück und heiratete die Schauspielerin, mit der er schon 20 Jahre zusammenlebte. Er starb an einem Neujahrstag.

Eine Diva, die vom Pferd fiel

8 „O wäre ich doch heute nur im Stande gewesen zu singen! – nie war ich so bei Stimme!" – Als sie diesen Ausspruch tut, gerade 28 Jahre alt, hat sie schon der Tod umfangen. Monate zuvor war sie bei einem ihrer spektakulären Ausritte im Hyde Park gestürzt. Trotz eines Blutgerinnsels im Gehirn und diverser Knochenbrüche sang sie unter Triumphen weiter. Ihre extrem teuren Auftritte konnten Opernhäuser ruinieren, ein Benefizkonzert dagegen marode Bühnen retten. In einer italienischen Stadt benannte man aus Dank ein Theater nach ihr. Sie war ein Star der Salons, die erste internationale Diva. Und sie brannte: Krankheiten, Affären, Zusammenbrüche entluden sich in einer nie gekannten Intensität auf der Bühne. Sie verschwendete sich an die Kunst – und wurde zur Muse einer ganzen Opernepoche.

Ein Star in der Glitzerwelt

9 Hübsch war das Kind. Aber so mager, dass man fürchten musste, eine Windbö könne es umblasen. Kein Wunder, es gab ja nicht genug zu essen, in den 1940er Jahren in Holland. Heizmaterial war knapp, das Mädchen fror und kränkelte. Ein Länderwechsel half. Nach dem Krieg trieb es die Jugendliche auf der Spitze – und setzte sich später gegen eine Blondine durch, der die Männer zu Füßen lagen. Sie stahl ihr den Job, obwohl ein ernster Mann lange mit seiner Schreibmaschine dagegen angekämpft hatte. Der Blondine – geübt in Millionärstreffen – war’s später egal. Warum sollte sie eine halbe Portion beneiden, die sich an den Schaufenstern einer Weltmetropole sehnsüchtig die Nase plattdrückte. Viele Leute schauten ihr, bald kopfschüttelnd, bald amüsiert, dabei zu. Ein Wunder, dass Charles sie irgendwann eintreten ließ und sie damit in die erste Liga der Glitzerwelt katapultierte. Da hat sie noch immer ihren festen Platz. Bisweilen sieht man die vor Jahren Verstorbene heute auch in schicken Bars und sogar mal im Museum. Einige Jahre nach ihrem Tod wollte ihr die Deutsche Post eine Briefmarke widmen. Das hat nicht geklappt. Die Holländer hingegen gingen viele Jahre mit ihr, die im letzten Film ein Engel war, in die Luft.

Ein Designer, der Blumen liebte

10 Als Kind lebte er keineswegs in Luxus, sondern wuchs in einem kleinen Dorf in der Champagne auf. Sein Vater war einfacher Handelsvertreter, zog mit der Familie allerdings 1862 nach Paris. Da war der Sohn zwei. Als Zwölfjähriger begann er eine Ausbildung zum Zeichner, und was er in der Metropole sah, schlug sich bald in seinen Blättern nieder: die üppigen, floralen Motive des Jugendstils an Häuserfassaden und Metrostationen. Ein Studium an der Ecole des Arts Décoratifs schloss sich an, und obgleich der Vater 1876 starb, bleibt dem jungen Mann Zeit für eine weitere Ausbildung in einem exklusiven Gewerbe. Ein längerer Aufenthalt in London bereinigt den Stil des aufstrebenden Designers und Künstlers dann in jene strengere Richtung, für die er später berühmt geworden ist. Zurück in Paris, hat er für seine Entwürfe bald mehrere Abnehmer, die sich für die eigenwilligen Kreationen begeistern. Doch dann übernimmt der erfolgreiche Unternehmer selbst eine Werkstatt. Er fertigt selbst und zettelt noch einmal eine kleine Revolution an, weil ihm die Vielgestaltigkeit der Objekte und Oberflächen wichtiger als ihre Kostbarkeit ist. Obwohl er sogar einfache Materialien verwendet, werden ihm seine kunstvollen Produkte aus den Händen gerissen. Er stirbt 1945. Begraben wurde er in Paris.

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