Kultur : Warten reicht nicht

VOLKER STRAEBEL

Ein weiches hohes d, von solistischen Celli und Bratschen immer wieder kurz verlassen und in Glissandi leittönig erneut erreicht.Ein es als Orgelpunkt im Horn, darüber eine sehnsuchtsvolle Cantilene des Englisch Horns mit exponierter Seufzersekunde.Duftige Arpeggios von Harfe und Celesta in angerautem Moll, das Solo-Cello steigt in hoher Lage in vierteltöniger Chromatik langsam auf, Kadenz nach D-Dur.Wer von Siegfried Matthus, dessen 65.Geburtstag Christian Thielemann mit dem Orchester der Deutschen Oper beging, kompositorische Innovation erwartet, sieht sich regelmäßig enttäuscht.Der skizzierte Beginn seines im Konzerthaus uraufgeführten Orchesterwerkes "Ariadne", dem die Beziehung Nietzsches zu Cosima Wagner zugrunde liegt, überzeugt in seiner klangsinnlichen Orchesterbehandlung und dem sicheren Gebrauch romantischer Topoi, die moderne Distanz zu diesen Mitteln, wie sie etwa das ironische Violinkonzert (1968) aufwies, läßt er jedoch vermissen.Die "Erwartung der Ariadne" dringt da ungebrochen aus jedem Ton, und hätte Michael Hammermayer seine Cello-Passage nicht in wunderbar schlanker Klanggestaltung angelegt, dieser erste Teil hätte umkippen können in unverhohlene Sentimentalität.

Im "Tanz des Dionysos" dann weiß man sich in peitschender Motorik, reich besetztem Schlagwerk und rhythmischem Unisono bei Strawinsky aufgehoben, effektvoll und brillant interpretiert und vom Publikum bejubelt."Was ich an der Musik von Siegfried Matthus besonders schätze, ist diese Sanglichkeit und Praktikabilität" hatte Christian Thielemann zuvor angemerkt und den Opernkollegen genau dessen gerühmt, was ihm ästhetisch zum Verhängnis wird.Gelegentliche Anleihen an populärer Musik in der Offbeat-Gestaltung und der mit seinem Abwärtsglissando an das Anhalten eines Tonbandes erinnernde Übergang zur Coda sind die einzigen Elemente der "Ariadne", die in die zweite Hälfte des vergehenden Jahrhunderts verweisen.Auf Naxos zu sitzen und auf Rettung zu warten, reicht eben nicht.Dafür entschädigte Thielemann mit einer ausgelassenen III.Symphonie von Schumann, ohne Retuschen, dafür mit sehr genauer Phrasierung und klanglicher Ausgewogenheit selbst in den dicht instrumentierten Stellen.Kleinere Koordinationsprobleme fallen da kaum ins Gewicht.

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