Kultur : Warum dieses Denkmal für die ermordeten Juden Europas?

Interview mit den Preisträgern des Wettbewerbs zum Holocaust-Denkmals TAGESSPIEGEL: Sie haben 1995 beim Wettbewerb für das Holocaust-Denkmal einen der beiden ersten Preise gewonnen und wurden dann von der Jury und den Auslobern favorisiert.Ihr Entwurf aber hat viel Kritik geerntet.Warum beteiligen Sie sich jetzt auch an der zweiten Stufe des Wettbewerbs? DIE KÜNSTLERGRUPPE: Wir haben nicht aufgehört nachzudenken.Das ist ein Thema, das uns seit drei Jahren beschäftigt. TAGESSPIEGEL: Die Diskussion bestimmten auch sehr harsche Töne.Haben Sie da Kritik einstecken müssen, die nicht so sehr Ihrer Arbeit galt als vielmehr dem Verhalten derjenigen, die den ganzen Wettbewerb betrieben haben? DIE KÜNSTLERGRUPPE: Das würden wir auf jeden Fall so sehen.Wir hatten mit unserem Entwurf auch eine Erklärung abgegeben.Und die später benutzten Begriffe wie Grabplatte, Betonplatte oder gar "Judenplatte" haben wir nie verwendet.Wir sind auch nie davon ausgegangen, daß es eine "Auferstehungstafel" sei, sondern wir haben unseren Entwurf als "Platz der sechs Millionen" gekennzeichnet.Weil man unseren Entwurf nicht genau gelesen hat, hat sich dann eine falsche Darstellung in den Köpfen festgesetzt. TAGESSPIEGEL: Was ist denn das Hauptmißverständnis? DIE KÜNSTLERGRUPPE: Ein grobes Mißverständnis ist, daß uns unterstellt wurde, wir wollten wegen der Größe des Verbrechens ein entsprechend monumentales Denkmal schaffen.Unser Ansatz war ein ganz anderer: Wir wollen den ermordeten Juden die Namen zurückgeben.Wir wollen eine Stätte schaffen, die es ermöglicht, die Namen der ermordeten Juden darzustellen.Daraus hat sich die Größe dieser Namenstafel ergeben. TAGESSPIEGEL: Das Wort "Namenstafel", das in der Öffentlichkeit kaum benutzt wurde, ist Ihr innerer Verständigungsbegriff? DIE KÜNSTLERGRUPPE: Ja, sie war geplant als eine Gedenktafel, die umgekippt im märkischen Sand lag.Sie ragte vor der Überarbeitungsphase aus dem märkischen Sand heraus.Man konnte auf die Tafel gehen, es gab Lesewege und Gehwege, breit angelegt.Man sollte auch nie auf die Namen treten.Das wurde uns ja immer vorgeworfen.Der Gedanke einer Grabplatte lag uns regelrecht fern. TAGESSPIEGEL: Wie steht es mit dem Vorwurf der Monumentalität? DIE KÜNSTLERGRUPPE: Unsere Überlegung war, daß ein Mensch im Stehen einen Namenszug lesen können sollte.Und die Aneinanderreihung von diesen etwa sechs Millionen Namen wäre dann auf diese Größe gewachsen.Das hat uns auch erschreckt. TAGESSPIEGEL: Ihnen wurde auch vorgehalten, die Namen der Opfer zu instrumentalisieren. DIE KÜNSTLERGRUPPE: Warum haben wir die Namen genommen? Weil hinter dieser Abstraktion von sechs Millionen, hinter jedem Toten ein Name steht.Der Opfer eines Massenmords wird meist nur in der Anonymität gedacht.Hier sollten die Ermordeten wenigstens ihren Namen erhalten. TAGESSPIEGEL: Die in Ihrem Entwurf zustandegekommene Größe entsprach exakt dem, was die Auslober sich offenbar vorgestellt hatten: eine Denkmalsanlage, deren Ausmaße mit der Größe des Verbrechens korrespondieren sollte.So ist es von der Fördervereins-Vorsitzenden Lea Rosh dargestellt worden. DIE KÜNSTLERGRUPPE: Das war nie unsere Intention gewesen.Wir wußten nicht, was der Förderkreis wollte, was das Land oder der Bund wollten.Wir sind nur von der ursprünglichen Ausschreibung und unseren Inhalten ausgegangen.Dabei haben wir uns an den Gegebenheiten orientiert.Es handelt sich einmal darum, sechs Millionen ermordeter Juden zu gedenken.Also haben wir nach einem faßlichen Begriff für die Zahl von sechs Millionen gesucht, einem sinnlichen Verständnis dafür.Die andere Sache ist, daß dieser Platz angeboten war und wir durchaus annehmen mußten, wollten und auch angenommen haben, daß dieser Platz richtig gewählt war.Also haben wir uns auch zu diesem Platz bekannt.Daraus ist die Form entstanden, die den Ort hervorhebt, die nicht glatt ist, sondern aneckt. TAGESSPIEGEL: Ein großer Stolperstein. DIE KÜNSTLERGRUPPE: Ja.Mit zunehmendem Prozeß war uns klar, daß dieser Entwurf immer radikaler wurde, auch in der Größe.Wir haben uns die Planungsunterlagen angesehen und festgestellt, daß ringsum viele Gebäude entstehen werden, mit riesigen Baumassen und drumherum Straßen mit einem enormen Autoverkehr.Da ist natürlich der Vorwurf der Monumentalität ein relativer.Uns ging es darum, daß wir wirklich die Dimension sichtbar machen konnten, was sechs Millionen Namen bedeuten.Wobei für uns eine ästhetisierende Lösung nicht in Frage kam: weder eine figürliche noch eine symbolische Geschichte. TAGESSPIEGEL: Ihnen wurde vorgeworfen, so etwas wie einen Ablaßhandel zu inszenieren, indem das Eingravieren der Millionen Namen durch Dotationen überhaupt erst ermöglicht werde? DIE KÜNSTLERGRUPPE: Das ist eine verhängnisvolle Fehlinterpretation.Wir haben in dieser Angelegenheit an Ignatz Bubis geschrieben.Das Mißverständnis ist ausgeräumt. TAGESSPIEGEL: Sie haben gesagt, daß Sie keine ästhetisierende Lösung wollten.Kam Ihnen der Gedanke, vielleicht gar kein Denkmal mehr entwerfen zu wollen oder zu können? DIE KÜNSTLERGRUPPE: Es ging vor allem darum, nicht in die Abstraktion zu gehen, sondern etwas sinnlich Wahrnehmbares zu schaffen.Es ist nicht unsere Generation, sondern die unserer Kinder und Kindeskinder, die nachfragen sollten.Es ging uns darum, ein Mahnmal zu schaffen, das gleichzeitig dem Bürger auch eine Verantwortung übergibt. TAGESSPIEGEL: Inwiefern? DIE KÜNSTLERGRUPPE: Verantwortung für das, was die Täter gemacht haben.Wir Heutigen haben keine Schuld, aber wir haben eine Verantwortung zu tragen.Wenn Kinder nachfragen, was war das? Wieso diese vielen Menschen? Durch das Lesen der Namen entstehen Fragen.Durch unseren Entwurf wurde eine der größten Debatten ausgelöst, die in der letzten Zeit stattgefunden haben.Wieso haben die anderen Entwürfe keine gleichrangige Rolle in der Diskussion gespielt? Also muß doch unser Entwurf an eine Wunde gestoßen sein, muß etwas dargestellt haben, was viele nicht wollen.Je länger die Debatte anhielt, desto weniger Zweifel hatten wir, daß dieses Denkmal errichtet werden muß. TAGESSPIEGEL: Sie halten nach all diesen kontroversen Debatten daran fest, daß ein Denkmal nicht nur möglich, sondern auch sinnvoll ist? DIE KÜNSTLERGRUPPE: Absolut notwendig.Aber die Frage beinhaltet viele Aspekte.Ein Aspekt ist die Auslobung des Wettbewerbs und die Vorgaben.Wir sind als Teilnehmer an diese Vorgaben gebunden.Es fällt schwer, die verschiedenen Standpunkte der Wissenschaftler zu berücksichtigen - ist es ein Denkmal für alle oder ein Denkmal nur für Juden; dann der Standort, dieser Standort.Es ist schwer, daraus eine künstlerische Erfahrung abzuleiten.Entscheidend war für uns, daß dieser Standort eingebettet ist zwischen zwei entstehende Ballungszentren, umgeben von stark befahrenen Straßen.Wir werden einen Platz haben, der besonders am Abend und in der Nacht eine Rolle spielen wird.Das sind alles Dinge, die sich in den letzten Jahren herauskristallisiert haben.Das große Problem beim ersten Wettbewerb war, daß sich kaum jemand vorstellen konnte, wie das alles einmal aussehen wird.Wir haben uns große Mühe gegeben, uns in dieses Szenario hineinzuversetzen.Die Ressentiments gegen die Nennung der Millionen von Namen versuchen wir natürlich in unserem neuen Entwurf zu berücksichtigen. TAGESSPIEGEL: Was hat denn für Sie der Einwand, andere Opfergruppen würden ausgeschlossen, für eine Rolle gespielt? DIE KÜNSTLERGRUPPE: In dem Moment, wo wir uns dafür entschieden haben, ein Denkmal für die ermordeten Juden zu entwerfen, haben wir uns auch in dieser Frage entschieden.Natürlich ist es richtig, daß andere Opfergruppen ebenfalls ein Mahnmal haben sollten. TAGESSPIEGEL: Ein Denkmal für alle Opfer - dies würde vielleicht auch einen größeren Gedankenraum öffnen.Es ist eine noch größere Gruppe, aber könnte das nicht einen allgemeingültigeren Ausdruck ermöglichen? DIE KÜNSTLERGRUPPE: Es ist nicht sicher, ob es nicht doch Konflikte mit Vertretern der einzelnen Opfergruppen gäbe.Natürlich können wir uns sehr wohl vorstellen, daß es daneben auch einen Platz für die Sinti und Roma in Berlin geben wird.Trotzdem: Ausgangspunkt war, daß es ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas sein sollte.Es geht ja nicht nur um die deutschen Juden, sondern um eine europäische Dimension.Das schien uns anfangs sehr plausibel.Als die Diskussion aufkam, ein Denkmal für alle zu machen, gab es durchaus ernstzunehmende Argumente dafür, aber das können nicht wir entscheiden.Das muß der gesellschaftliche Konsens entscheiden.Wir sind nur ausgegangen von der Aufgabe, an dem vorgegebenen Ort ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas zu gestalten, und haben das auch für richtig gehalten. TAGESSPIEGEL: Haben Sie den Eindruck, daß die zweite Stufe des Wettbewerbs noch genauso ernst gemeint ist wie die erste, oder fragen Sie sich, ob das nicht nur eine Alibiveranstaltung ist? DIE KÜNSTLERGRUPPE: Eine kontroverse Diskussion ist auch ein Zeichen dafür, daß es sich lohnt weiterzumachen.Da die Meinungen so unterschiedlich sind, hoffen wir nur, daß Deutschland sich endlich dazu bekennen kann und das Denkmal baut.

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