Kultur : Warum geschieht eigentlich nie nichts?

Von Ratten und Bären: Die Galerie Barbara Wien zeigt das wunderbar periphere Werk der Schweizer Kunststars Fischli & Weiss

Anja Osswald

„Der Lauf der Dinge“ lautet der Titel des 16-Millimeter-Films, mit dem Peter Fischli und David Weiss auf der Documenta 1987 ihren ersten großen Publikumserfolg landeten. Mit bizarren Konstruktionen von Alltagsmaterialien zeigt der Film in einer halbstündigen Serie von Kettenreaktionen eine Dynamik des Zusammenbruchs auf der Basis physikalischer und chemischer Gesetze. Eine Art Dominoeffekt im Chemielabor, absurd und streng logisch, mit naturwissenschaftlicher Präzision ausgeführt und zugleich im besten Sinne unsinnig.

Den Dingen ihren Lauf lassen – diese Maxime prägt das gesamte Oeuvre der Schweizer Künstler. Seit 20 Jahren betreiben sie das geregelte Spiel von Aufbau und Zusammenbruch von Bedeutungssystemen in den Medien Film, Fotografie, Skulptur, Installation und, nicht zu vergessen, in ihren wunderbar skurrilen, poetischen Denk-Bilder-Büchern.

Barbara Wien widmet dem Künstlerduo nun eine Ausstellung, die – man glaubt es kaum – deren erste Einzelpräsentation in Berlin ist. Mit enzyklopädischer Sammellust hat die Galeristin alle verfügbaren Bücher, Editionen und Filme bis hin zu Ausstellungsplakaten und Postkarten mit Motiven von Fischli & Weiss zusammengetragen. Außerdem erscheint anlässlich der Ausstellung in Wiens Verlag eine Tonbandkassette mit einer einstündigen französischen Radioaufnahme, die 1993 als Beitrag der Künstler zu der von Hans-Ulrich Obrist kuratierten Ausstellung „Chambre 763, Hotel Carlton“ in Paris entstanden ist (60 Euro).

Die zwischen musealer Präsentation und Verkaufsausstellung situierte Schau veranschaulicht nicht nur die interdisziplinäre Arbeitsweise des Duos, sondern auch deren spielerischen Umgang mit dem Originalitätsbegriff. Die Vorstellung des einzigartigen Kunstwerkes wird nicht nur mit Auflageobjekten ad absurdum geführt, sondern auch durch eine besondere Form des Recyclings. Motive der Fischli & Weiss’schen Kosmologie tauchen gleich mehrfach auf: Würste, Hunde und Milch leckende Katzen, Flugzeuge, Geldsäcke, Blumenarrangements bis hin zu den Figuren von Ratte und Bär, die Kennern aus den Videotapes „Der geringste Widerstand“ und „Der rechte Weg“ (beide 1981) vertraut sein dürften und die als Auflagenobjekt in Form eines Pfeffer- und Salzstreuers gezeigt werden (Preise auf Anfrage). Mit ihrer Ausstellung beweist Barbara Wien Gespür für Timing: Soeben haben Fischli & Weiss auf der Biennale von Venedig den Goldenen Löwen für ihre Textinstallation „Findet mich das Glück?“ erhalten. Die Lakonik, mit der hier das uferlose Spektrum möglicher Sinn- und Seinsfragen in Form eines Fragenkatalogs dargestellt wird, der von philosophischen Reflexionen – „Warum geschieht nie nichts?“ – bis zu temporären Dringlichkeiten – „Wer bezahlt mein Bier?“ – reicht, ist insgesamt typisch für die beiden Schweizer. Bei aller Ironie und einem teils skurrilen Witz ist ihr Werk von einer bisweilen fast moralischen Ernsthaftigkeit geprägt. Ihre Arbeiten sind Gleichnisse und Parabeln auf das Leben, in denen die kleinen Widrigkeiten des Alltags und große Sinnfragen gleichwertig nebeneinander stehen. Im Vordergrund steht dabei weniger eine metaphysische Suche nach dem So-Sein der Dinge, sondern eher deren Sein-Lassen. „Zufriedenes Vorhandensein“ nennen Fischli & Weiss einen Zustand von Glück, der in einer Schautafel aus ihrer Mappe „Ordnung und Reinlichkeit“ (1981) als fundamentale Befindlichkeit des Menschen beschrieben wird. Fischli & Weiss gehören zu den wenigen Künstlern, die dieses „zufriedene Vorhandensein“ nicht nur inszenieren, sondern auch im Betrachter evozieren können.

Galerie Barbara Wien, Linienstraße 158, bis 8. November, Dienstag bis Freitag 14–19 Uhr, Sonnabend 12–18 Uhr.

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