Warum wir eine neue Innovationskultur brauchen : Gut ist nur, was allen dient

Innovation und Verantwortung gehören zusammen. Dafür braucht es ein neues Bewusstsein, aus dem nicht Wissen, sondern Weisheit entspringt. Ein Plädoyer.

Bernd Kolb
Die digitale Transformation läutet ein neues Zeitalter ein. Gesucht sind Visionen, die das Leben für alle nachhaltig besser machen.
Die digitale Transformation läutet ein neues Zeitalter ein. Gesucht sind Visionen, die das Leben für alle nachhaltig besser...Foto: mauritius images / Science Source / Carol and Mike Werne

Innovation beginnt mit gedachter Zukunft. Jemand hat die Phantasie für eine Idee, die es so oder überhaupt noch nie gab. Ideen entspringen aus Zeitgeist. Wir brauchen immer Innovation. Wir sollten immer neu denken, stets alles in Frage stellen. Neu Denken heißt daher auch, bestehendes konstruktiv kritisch zu überdenken. Wenn wir Fehlentwicklungen erkennen, braucht es auch Innovation. Gerade dann ist das neue Denken am wichtigsten.

Wir leben in einem Zeitalter tiefsten Aberglaubens. Die vorherrschende Illusion, dass uns Konsum glücklich macht, hat uns in die größte ökologische Krise seit Menschengedenken gebracht. Wir laufen in unruhige Zeiten: Klimawandel, schwindende Rohstoffe, massenhaftes Artensterben, Bevölkerungsexplosion in den ärmsten Regionen der Welt, wachsender Fundamentalismus und eine drohende Flut von Migration von hunderten Millionen Menschen, die entweder aus politischen oder ökologischen Gründen ihren bisherigen Lebensraum verlassen müssen, um zu überleben – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

China gibt uns einen Vorgeschmack auf das, was kommt

Aber es gibt eine Idee, wie wir das meistern wollen: die digitale Transformation. Von allen gefeiert und von der Politik getrieben, bauen wir eine neue Welt, in der die künstliche Maschinenintelligenz das Ruder übernehmen soll. Künstliche statt natürlicher Intelligenz, die nur aus Nullen und Einsen besteht, also eine Welt in schwarz-weiss. Unser Menschenbild besteht zunehmend aus Daten, von der Person werden wir zum Profil, und wer wie einst George Orwell noch glaubte, das müsse man der Gesellschaft mit Gewalt aufzwingen, hat weit gefehlt: Wir kaufen für viel Geld die Datensensoren selbst, es muss gar kein Chip eingepflanzt werden, wir haben ja das Smartphone immer dabei!

Wir legen gerade in Algorithmen fest, was gut und was böse, was richtig und was falsch sein wird. Einen Vorgeschmack auf das, was kommt, gibt uns China mit seinem gerade eingeführten „Sozialkreditsystem“, bei dem alle persönlichen Daten gesammelt, analysiert und bewertet werden. Jeder Schritt und jedes Wort geben „Sozialpunkte“, und nur wer systemkonform lebt und handelt, bekommt künftig noch Arbeit, Wohnung oder Kredit. Mit der Abschaffung des Bargelds, wie sie Indien fast unbemerkt vom Rest der Welt Ende letzten Jahres vollzogen hat, wird selbst der Kauf eines Fladenbrots mit Zeit und Ort erfasst.

All das erinnert an die heilige Inquisition des Mittelalters, nur dass wir zur Exekution keine Menschen mehr brauchen, sondern alles von Maschinen erledigt wird. Im ersten Mittelalter, im Englischen treffend als „Dark age“, das finstere Zeitalter bezeichnet, hatten wir gerade noch die Kurve bekommen. Was niemand für möglich hielt, bahnte sich unblutig seinen Weg: Die Renaissance, zu Deutsch „die Wiedergeburt“, löste diesen gesellschaftlichen Albtraum ab. Eine bis dato nie dagewesene Kulturrevolution. Ein neuer Geist besiegte den alten.

Innovation darf also kein Selbstzweck sein

Dies ging maßgeblich auf vier radikale Innovatoren zurück: Da Vinci, Michelangelo, Botticelli und Galilei. Sie schufen mit ihrem kreativen Geist ein neues Weltbild, das gar keins war: Die Renaissance war die Wiedergeburt des antiken Geistes. Oder auf gut Deutsch: Wir waren schon mal schlauer, haben uns dramatisch geirrt und korrigieren diese Entwicklung wieder – auch das ist Innovation. Hervorgegangen aus mutigem, neuen Denken. Jeder damalige Reformer hat sein Leben riskiert, aber aus tiefer Überzeugung für eine bessere Zukunft gekämpft.

Berd Kolb

Bernd Kolb, Jahrgang 1962, gilt nach seiner Karriere als Internetpionier, deutscher Unternehmer des Jahres und Innovations-Vorstand der Deutschen Telekom weltweit als Visionär und Vordenker.

Mit Blick auf die großen Herausforderungen unserer globalen Konsumgesellschaft widmet er sich seit einigen Jahren in seinen zahlreichen internationalen Projekten und Publikationen der Entwicklung von positiven Zukunftsvisionen für eine globale Gesellschaft. Seine erste Station führte ihn nach Marrakesch, wo er einen traditionellen Stadtpalast mit jahrhundertealten Methoden renovierte und als Hotel zu neuem Leben erweckte. Dort gründete er auch den „Club of Marrakesh“, ein globales, interdisziplinäres Netzwerk von Vor- und Querdenkern.

2012 brach er auf, um nach alten Weisheitstraditionen in verschiedenen Regionen und Kulturen Asiens zu suchen, bevor wir sie durch den raschen Wandel unserer Zeit womöglich für immer verlieren.

2015 erschien sein erstes Buch ATMAN, das es auf Anhieb auf Platz 1 der Amazon-Fotobuch-Verkaufsrangliste schaffte. Die dazugehörige Ausstellung in Berlin empfing 2016 mehr als 10 000 Besucher. 2017 veröffentlichte er mit BRAHMAN sein zweites Werk. Seine außergewöhnliche Fotografie erinnert uns an den inneren Reichtum des Menschen, unser wahres Selbst. Die diesjährige Ausstellung in der Malzfabrik Berlin wurde bis Ende des Jahres verlängert. Alle Infos dazu gibt es auf www.Brahman.de

Berd Kolb fordert die Wiedergeburt des gesunden Menschenverstandes.
Berd Kolb fordert die Wiedergeburt des gesunden Menschenverstandes.Foto: Raimar von Wienskowski

Innovation darf also kein Selbstzweck sein, sondern muss stets begleitet werden von der gesellschaftlichen Verantwortung, die jede neue Idee erst einmal auf den Prüfstand von Werten stellen muss. Auch die Atombombe war eine Innovation, aber sicher nicht zum Segen der Menschheit. Gut ist nur, was allen dient! So muss sich also jeder Innovator fragen lassen, auf welches Konto seine Idee einzahlt.

Zu einer Zeit, die von der unstillbaren Gier des Kapitalismus beherrscht wird, weist jeder Businessplan nur den monetären Profit aus, der als einziges Erfolgskriterium darüber bestimmt, ob aus einer Idee durch entsprechende Investitionen auch Wirklichkeit werden kann. Damit wir uns nicht falsch verstehen: natürlich gibt es keine nachhaltige Entwicklung ohne Profitabilität. Vom Spenden alleine überlebt keiner. Aber es gibt noch andere Konten, auf die auch eingezahlt wird, ob wir wollen oder nicht.

Bin ich mit meiner Idee Teil der Lösung oder Teil des Problems?

Das beginnt mit dem Sinnkonto: Macht meine Idee für mich und für andere Sinn? Alle Studien belegen, dass mehr als ein Drittel aller Deutschen in ihrer Arbeit keinen Sinn finden. Interessanterweise findet man diese ernüchterten Einsichten auch in den Führungspositionen, ein ehrlicher Handwerker oder ein Altenpfleger hat solch ein Problem nicht. Dann gibt es das Sozialkonto: Trage ich mit meinem Tun zur positiven Entwicklung der Gesellschaft bei? Geht es den Menschen besser, wenn meine Idee im Markt erfolgreich ist? 41 Prozent aller Europäer sind psychisch erkrankt, so weist es die EU in ihren Statistiken aus. Dabei noch von einer Wohlstandsgesellschaft zu sprechen, ist fast schon zynisch.

Und dann gibt es noch das Umweltkonto: wie steht es mit der Ökobilanz meiner Idee? Sollte die negativ sein, dürfte eine Umsetzung bei gesundem Menschenverstand gar nicht mehr in Frage kommen.

Es muss also stets der Grundsatz gelten: Bin ich mit meiner Idee Teil der Lösung oder Teil des Problems? Denn jede Idee, die in die Öffentlichkeit kommt, geht einher mit gesellschaftlicher Verantwortung. In der alten indischen Philosophie nennt man das Karma – es zählt, was am Ende dabei rauskommt. Und zwar im Großen und Ganzen. Denn am Ende fällt alles wieder auf mich selbst zurück.

Dafür braucht es ein neues Bewusstsein, aus dem nicht Wissen, sondern Weisheit entspringt. Wir brauchen wieder dringend eine neue Renaissance, in der es diesmal um die Wiedergeburt des gesunden Menschenverstandes geht. Das gilt natürlich für jeden Einzelnen, aber insbesondere für die Innovatoren. Was wir dringend brauchen, ist mentale Innovation, wir brauchen mutige, radikale und unbestechliche Vordenker, die wieder das Wohl aller im Blick haben und sich am Ende darin selbst den größten Profit erwirtschaften: den Sinn im Tun.

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