Kultur : Was die Künste verbindet

Norbert Millers kulturgeschichtliche Essays.

Rolf Strube

Goethe war enttäuscht, als er im einst griechischen Süden Italiens vor den Tempelruinen von Paestum stand. Die archaisch wirkenden Säulenreihen waren unvereinbar mit seinen Vorstellungen schön proportionierter Baukunst aus dem Geist der griechischen Antike. Paestum wurde ihm zum Sinnbild für die Unerreichbarkeit der homerischen Welt. Für Goethes Zeitgenossen, den italienischen Graphiker und Architekten Piranesi gab es nur eine gleichrangige griechisch-römische Antike. Auf seinen Radierungen erscheint Paestum in monumentaler Würde, in der für ihn typischen subjektiven Sicht als suggestive Wiederherstellung einer versunkenen Welt, die bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren hat.

Die Frage, wie Künstler die Verbindung zur fernen Vergangenheit gesucht haben, hat den emeritierten Literatur-, Kunst- und Musikhistoriker Norbert Miller immer wieder beschäftigt – neben seinen Büchern über Piranesi und Goethe auch in einem Aufsatz über den „Griechenstreit“. Man kann ihn jetzt in seinem Essayband „Paradox und Wunderschachtel“ nachlesen. Das Resultat dieses Archäologenstreits, an dem sich Winckelmann und – mit nationaler Empfindlichkeit – auch Piranesi beteiligte, war die heute geläufige Gleichsetzung von Klassik und griechischer Kunst. Viele der hier versammelten Beiträge aus den letzten Jahrzehnten gehen kulturgeschichtlichen Schlüsselfragen der Moderne nach. Dabei öffnen sich überraschend verborgene Türen zwischen den Künsten – wie in dem Vortrag „Mit den Augen der Sphinx“, der von den Entdeckungen ägyptischer Altertümer zu „literarischen Endzeitlandschaften“ bei Poe, H. G. Wells und Jules Verne führt. Oder wie in dem Aufsatz über den Dichter und Librettisten W. H. Auden, der zu Prosperos Abschied von der Zauberinsel in Shakespeares „Sturm“ eine Art lyrischen Kommentar verfasste, in dem er seine Beziehung zur Musik, das Verhältnis von Kunst und Leben neu definierte.

Beim Nachdenken über Piranesis Architekturphantasien, schreibt der Verleger Michael Krüger im Vorwort, habe Norbert Miller zu seiner Form wissenschaftlichen Erzählens gefunden. Es ist die Arbeit eines Übersetzers, der nachzeichnet, was bildende Kunst, Musik und Literatur verbindet, was sie einander zu sagen haben. Rolf Strube

Norbert Miller:

Paradox und Wunderschachtel. Essays.

Mit einem Vorwort von Michael Krüger. Wallstein Verlag,

Göttingen 2012.

309 Seiten, 24 €.

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