Kultur : Was Gesetz war, muss Gesetz bleiben Beutekunst: neuer Dialog zwischen Museumsleuten

Christina Tilmann

Die Rolle des Spielverderbers übernahm einmal mehr der Vertreter der Politik. Wolfgang Maurus, Referatsleiter bei Kulturstaatsministerin Christina Weiss und mit dem Thema „Beutekunst“ befasst, fand am Freitag in Berlin klare Worte zur Kritik der russischen Seite: „Im Moment gelingt es der russischen Regierung nicht, die völkerrechtlichen Verträge so zu erfüllen, wie es uns gelingt.“ Alle Kunstschätze, die nicht an ihrem angestammten Ort sind, seien „eine Belastung“ für das deutsch-russische Verhältnis. Zur Einhaltung und Erfüllung rechtlicher Vorgaben gebe es keine Alternative.

Harte Worte auf einer Veranstaltung, die sich alle Mühe gab, jenseits des politischen Dissenses den deutsch-russischen Kulturdialog zu befördern. Neunzehn junge russische Museumsmitarbeiter waren drei Monate in deutschen Museen unterwegs, um sich vor Ort über Museumsmanagement, Ausstellungsvorbereitung und Sponsorenwerbung zu informieren. Das Dreijahres-Programm, initiiert von der Deutschen Management Akademie Niedersachsen und der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel, soll helfen, ein deutsch-russisches Netzwerk auf Fachebene aufzubauen und so politische Blockaden zu unterlaufen.

Dass beides nötig ist, der politische Druck wie auch die fachliche Zusammenarbeit, betonte auch Günther Schauerte als Vertreter der Staatlichen Museen zu Berlin. Die Forderung der Rückgabe kriegsbedingt verbrachter Kulturgüter, so der offizielle Terminus für „Beutekunst“, stehe unausgesprochen im Hintergrund jeder Gespräche. Trotzdem müsse es zunächst darum gehen, einen Überblick über die noch in Russland befindlichen Objekte sowie ihren Konservierungszustand zu erhalten. Dass deutschen Museumsleuten noch immer der Zugang zu den Archiven und Depots verwehrt sei, hatte schon Klaus-Dieter Lehmann, Generaldirektor der Stiftung Preussischer Kulturbesitz, vor einigen Wochen öffentlich beklagt. Auch Schauerte machte deutlich: „Die Objekte sind zum Teil in beklagenswertem Zustand, tragen noch die Spuren des Kriegstransports.“ Kein Wunder, dass russische Museen sich scheuen, diese Zustände offen zu legen. Auf der Ebene der Restauration und Konservierung könne eine Zusammenarbeit am ehesten gelingen, zeigt sich Schauerte pragmatisch – erst recht, wenn sie mit gemeinsamen Ausstellungsprojekten verbunden werden kann, wie im kommenden Jahr mit Projekten zu den Themen Skythen und Merowinger.

Internationale Zusammenarbeit – das beginnt im Kleinen, beim deutsch-russischen Dialog von Nachwuchskräften. Und setzt sich fort im Großen, in einer internationalen Konferenz der fünf Universalmuseen Louvre, British Museum, Metropolitan Museum, Eremitage und Staatliche Museen zum Beispiel, die gerade zusammentrafen, um eine gemeinsame Linie in der Präsentation von Kunst aus islamischen Ländern zu erarbeiten. Oder in Gestalt der Direktorin der Nationalbibliothek für ausländische Literatur in Moskau, Ekaterina Genieva, die gemeinsam mit Klaus-Dieter Lehmann seit Jahren Konferenzen zum Thema „Beutekunst“ initiiert und dafür gerade in Berlin mit dem Max-Herrmann-Preis ausgezeichnet wurde. Auch sie jedoch bestätigt, dass jenseits der guten Fach-Kooperation politisch wenig möglich sei: „Ich würde ja gern viele Dinge nach Deutschland zurückgeben“, erklärte sie im Gespräch. „Aber ein Gesetz ist ein Gesetz.“

Das sehen selbst jüngere Museumsmitarbeiter zum Teil anders: Die Rückgabe der Kunstwerke sei ein politisches Problem, falle nicht in die Kompetenz der Museen, erklärte Andrej Vorobjev vom Puschkin-Museum Moskau. Und überhaupt sei längst die Zeit gekommen, dass Menschen um der Kunstwerke willen reisen. Man hole heute die Besucher zur Kunst, nicht mehr die Kunst zum Besuchern. Hauptsache, es sei alles öffentlich zu sehen. Was Wolfgang Maurus natürlich anders sieht: „Kunstwerke sind das Eigentum einzelner Museen, nicht der ganzen Welt.“ Rechtlich richtig. Nur, Dialog und Austausch kommen so nicht zustande. Eine Patt-Situation, wohl noch auf lange Zeit.

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