Was gut ist und was böse : Fakten waren noch nie entscheidend

Weil Trump es so sagt: Wie Populisten erfolgreich ihre Deutung der Realität durchsetzen

Elisabeth Wehling
Erfinderin neuer Wahrheiten. Trump-Beraterin Kellyanne Conway.
Erfinderin neuer Wahrheiten. Trump-Beraterin Kellyanne Conway.Foto: Mandel Ngan/AFP

Mit einer donnernden Wahlkampagne zog Donald Trump 2016 durch Amerika. Bis zuletzt hielt die Welt Hillary Clinton für überlegen. Am Ende würde das Land vernünftig entscheiden. Faktencheck hieß das Zauberwort, das den Milliardär stoppen sollte. Das war der Plan. Er ging nicht auf. Man suchte nach der schnellen Erklärung und fand sie: Wenn Fakten Demagogen wie Trump keinen Einhalt gebieten können, müssen sie obsolet geworden sein. Über Nacht attestierte man den Menschen, das rationale Denken verlernt zu haben. Das postfaktische Zeitalter war ausgerufen.

Der etwas überstürzt formulierte Modegedanke, der eine schnelle Antwort geben soll, wo es sie nicht gibt, basiert auf einer Fehlannahme: auf der Idee, dass Menschen bisher – gestern, vorigen Monat, letztes Jahr! – rein objektiv und rational über Fakten denken konnten.

Das ist falsch. Fakten per se waren in der Politik schon immer zweitrangig. Wenn es aufs Ganze geht, verlieren sie. Nicht gegen Emotionen. Auch nicht gegen Lügen. Sondern gegen neuronale Deutungsrahmen, in der Wissenschaft Frames genannt. Frames werden über Sprache aufgerufen. Das Gehirn braucht sie wie der Fisch das Wasser, um Fakten überhaupt bewerten zu können.

Dass wir in der Politik nicht über Fakten, sondern Frames streiten, zeigt jede Bundestagsdebatte. Wo etwa Arbeitsmarktpolitik diskutiert wird, bestreitet keine Partei die tatsächliche Zahl der Arbeitslosen, sondern die ideologische Bewertung ihrer Ursachen und Lösungen durch den politischen Gegner. Wir leben nicht urplötzlich im Postfaktischen. Was wir erleben ist vielmehr, dass manche Menschen die präfaktischen Weltbilder, die ihre ideologische Bewertung des Faktischen bedingen, weit besser kommunizieren als andere.

Für viele Debatten in Amerika und Europa gilt: Es mangelt an klarer Sprache

„Für jede neue Regulierung schaffe ich zwei alte ab“, versprach Trump im Wahlkampf. Clinton entgegnete, keine Regulierungen abzubauen. Das Problem: Beide diskutierten im Frame der Republikaner! Laut deren Weltbild greifen Regulierungen in die natürliche Kraft des Marktes ein, der das wirtschaftliche Wohlergehen aller am besten vergrößert, wenn er sich selbst regelt. Clinton versäumte, sich sprachlich von Trumps Werten zu distanzieren und aus der ideologischen Perspektive der Demokraten zu sprechen.

Diese besagt, dass ein ungezügelter Zugriff von Unternehmen auf Natur und Verbraucher deren Sicherheit gefährdet. Wenn Medikamente unzureichend geprüft in die Badezimmerschränke der Amerikaner gelangen oder Fracking-Firmen weitgehend ungehindert Chemiegifte Richtung Grundwasser pumpen. Was für Republikaner ein unmoralischer Eingriff in den Wirtschaftswettkampf ist, ist für Demokraten ein moralisches Schutzmandat. Ein Fakt, zwei Frames!

Im Regulierungs-Frame ist es logisch, mit jedem neuen Eingriff in den Markt zwei alte ad acta zu legen. In einem Schutz-Frame ist es besorgniserregend, angesichts notwendiger neuer Schutzmaßnahmen den Bürgern ihren Schutz in anderen Bereichen zu entziehen.

Wie die Sache zu Ende ging, wissen wir. Trump ist gerade dabei, die regulations der Finanzmärkte, der Pharmaindustrie, des Zugriffs auf die Natur abzutragen. Nicht die protections der Bürger! Denn anders als Clinton macht er nie den Kardinalfehler, sich sprachlich in den Frame seiner Gegner einzukaufen.

Was hier beschrieben ist, gilt für viele Debatten in Amerika und Europa. Es mangelt an klarer Sprache. Auch weil vielerorts das Bewusstsein über ihre zentrale Rolle für die gedankliche Einordnung faktischer Gegebenheiten fehlt. Dieses Unverständnis prägt viele Fehleinschätzungen der Kommunikation und der Politik Donald Trumps. Etwa die Idee, sein Wahlkampf sei von keiner Kommunikationsstrategie getragen gewesen, sondern er habe sich von Rede zu Rede geschwungen und auf gut Glück nach diffusen Ängsten und angeknacksten Egos seiner Landsleute gestochert. Falsch!

Der neue Präsident wird als autoritäre Vaterfigur verehrt und geliebt

Trumps Kampagne erzählte eine straffe ideologische Geschichte mit dem Ziel, in den Köpfen vieler Amerikaner schlummernde erzkonservative Werte zu wecken. Seine Sprache und Politik seit dem 20. Januar bleiben der Geschichte treu. Und da Trumps strenges Weltbild nicht amerikanischen Werten per se, sondern jenen des progressiven Amerika widerspricht, wird er von vielen als autoritärer Big Daddy, der Vorgaben macht und Gehorsam einfordert, verehrt und geliebt. In einer Rasmussen Report-Umfrage vom 3. Februar befürworteten anonym 54 Prozent der Befragten seine Politik.

Ein Grund, warum Trump das konservative Amerika so erfolgreich abholen kann, ist, dass der Frame des „absoluten Entscheiders“ seit Langem im politischen Diskurs gelebt wird. So sagte bereits 1983 Ronald Reagan zur Kritik der UN an der Grenada-Invasion: „Das hat mir in keiner Weise das Frühstück verdorben.“ George W. Bush stellte 2003, nach der UN-Resolution gegen den Irakkrieg in seiner Rede zur Lage der Nation fest: „Wir brauchen kein Erlaubnisschreiben.“. Und machte 2006 in der ersten Debatte um Donald Rumsfelds Entlassung klar, er höre zwar die Medienstimmen, aber: „Ich bin der Entscheider, und ich entscheide, was am besten ist.“.

Trump verkörpert den Archetyp des „Weil ich es so sage“ bis zur Perfektion. Er ist mit jeder Faser seines Körpers ein autoritärer Mann, für den Gehorsam und die eigene moralische Autorität im Mittelpunkt stehen. Neu für Amerika ist die Heftigkeit, mit der Trump das Weltbild verficht. Er ist ein strenger Präsident in Reality-TV-Format: diskursiv verroht und überzogen bis ins Karikaturhafte.

Das „Weil ich es so sage“-Muster propagiert Trump auch durch das medienwirksame Unterschreiben von Dekreten. Ob sich die Erlasse langfristig durchsetzen, ist zunächst irrelevant. Die Handlung per se, das Entscheiden – ohne Einbeziehung von Repräsentantenhaus und Senat, ohne Abstimmung mit und zwischen den betroffenen Ressorts, ohne gesellschaftliche Diskussion in Politik und Medien – das ist es, worum es seinem Team geht.

Und dann ist da Twitter. Menschen weltweit wachen zu seinen Tweets auf und nehmen sie abends mit ins Bett. Wer meint, Trump rutsche nachts einfach öfter mal der Daumen aus, verkennt die Situation.

Sein Team nutzt das Medium strategisch. Wenn es den Präsidenten die Welt bewerten lässt – Bürger, Unternehmen, Staatschefs, ganze Länder. Great Personality! Fantastic Job! Sad! Failure!: Trump vergibt Noten, laut und öffentlich. Ein Mangel an politischer Erfahrung und diplomatischem Fingerspitzengefühl? Im Gegenteil: Es ist Kommunikation nach dem Einmaleins des strategischen Framing. Egal ob Lob oder Rüge, Trump entscheidet, wie Dinge einzuordnen sind. Wer nicht gehorcht, wird vor die Tür gesetzt, sei es jene des Presseraums im Weißen Haus oder jene des Justizministeriums.

Trump hat das Land über Monate in einen gefühlten Kriegszustand geführt

Aber was hat all das mit Populismus zu tun? Hat Trump nicht gewonnen, weil er die „Menschen“ gegen das ‚“Establishment“ mobilisieren konnte? Nein. Die Erklärung greift zu kurz. Trump gewann nicht wegen der populistischen Narrative. Er nutzte sie, um eine für die strenge Ideologie wichtige Geschichte zu erzählen: die Aufteilung der Welt in Gut und Böse, und der Kampf gegen das Böse unter der Führung eines starken, autoritären Mannes.

Die Besetzung „korruptes Establishment“ (die Bösen) gegen „einfache Menschen“ (die Guten) war eine Version von vielen. Weitere waren „Islam“ gegen „Christentum“, „Mexikaner“ gegen „Amerikaner“, „Schwarze Verbrecher“ gegen „normale Bürger“, „‚Medien“ gegen „Ehrlichkeit“. Und: „ die Welt“ wirtschaftsplündernd gegen die „USA“. Eine Konstante haben die Geschichten: Trump als Held, der den Tag rettet und die moralische Ordnung wiederherstellt.

Trump hat über Monate Frames gesetzt, die das Land in einen gefühlten Kriegszustand geführt haben. Kein Mitbürger, der an den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse glaubt, ist je gefügiger als dann, wenn das Böse vor den Toren steht. Das Framing geht Hand in Hand mit dem des absoluten Gehorsams gegenüber der moralischen Autorität Donald Trump,- dem Entscheider.

Trump propagiert den ideologisch strengen Patriotismus in den Köpfen seiner Mitbürger. Dagegen kommen keine Fakten an. Selbst dort nicht, wo wahre und falsche Informationen gegenübergestellt werden, denn: faktische Informationen kommen ohne richtige Frames nicht weit. Alternative Frames werden gebraucht – zum Beispiel der vom progressiven Patriotismus, der den Auftrag hat, Würde, Leben und Freiheit aller Bürger zu schützen. Und zwar durch protections, nicht regulations.

Elisabeth Wehling, geboren in Hamburg, arbeitet seit 2007 an der University of California, Berkeley, über kognitive Linguistik und Ideologieforschung. Zuletzt erschien von ihr im Herbert von Halem Verlag „Politisches Framing“.

1 Kommentar

Neuester Kommentar