Kultur : Was ist ein Wind gegen den Sog der Liebe?

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Von Kerstin Decker

Dies ist ein Film über den Sex der Mittelschicht. Über den Sex der gut verheirateten Vorort-Mittelschicht mit Garten, Kind und Hund. Filme über den Sex der gehobenen Vorort-Mittelschicht mit Garten, Kind und Hund haben es schwer. Außerdem spielt Richard Gere mit. Filme mit Richard Gere über den Sex undsoweiter haben es ganz außerordentlich schwer. Ist das gerecht?

Zuletzt hatte Adrian Lyne „Lolita“ gedreht. Alle fanden Kubricks Erstverfilmung besser, schon weil Kubrick mit dem Thema nur spielte. Lyne dagegen nahm es ernst. Denn für Adrian Lyne gibt es kein ernsteres Thema als Sex, darum handeln auch alle seine Filme davon. In „Untreu“ revolutioniert Lyne sein Thema noch einmal anhand der Mittelschicht. Es handelt sich um eine Schicht, die schon alles hinter sich hat – das Leben und den Sex – , sie ist in der Mitte angekommen, es ist bloß zu früh, um endgültig aufzuhören. Die Mittelschicht befindet sich naturgemäß im Mittelalter – Connie Summer (Diane Lane) ist Ende dreißig, Edward (Richard Gere) ist schon ein bißchen älter, sieht aber immer noch recht mittig aus.

Claude Chabrol hat in „Die untreue Frau“ die Sache schon einmal bearbeitet. Lyne mochte Chabrols Film sehr, aber wahrscheinlich war ihm der betrogene Ehemann etwas zu mittig. Man verstand nur zu gut, warum die Frau vom Wege abkam. So einfach macht es Lyne nicht. Man spürt es – Connie und Edward Summer mögen sich wirklich, trotz Vororthaus, Garten, Hund und Kind. Sie wohnen in einem Nähe-Kokon. Da fährt Connie wie so oft nach New York, um einem Auktionator zu helfen, als in New York ein großer Wind aufkommt. Connie stößt unter dem Einfluß des Windes mit einem jungen Mann zusammen, der sich auch für Antiquarisches interessiert, für alte Bücher. Zusammen heben sie seine heruntergefallenen Bücher und ihre Einkaufstüten wieder auf, begutachten Connies verletztes Knie – lauter Szenen, die im Kino leicht die Peinlichkeit des Abgeschmackten verursachen. Nur der Wind ist wirklich neu. Aber dann fängt Lyne an. Denn was ist schon der Wind von New York gegen den Sog, gegen den Connie sich jetzt zu wehren beginnt? Ein Wind läßt umfallen, und man steht wieder auf – der Sog jedoch, der von jener New Yorker Gebrauchtbuchladenseitenstraßenwohnung und seinem Inhaber ausgeht, läßt das Wieder-Aufstehen gar nicht zu, so sehr Connie sich um den aufrechten, unverdächtigen Vorstadt-Gang bemüht. Und die Begegnung des Menschen mit dem Außerordentlichen kommt wirklich, Diane Lane und Olivier Martinez sind ihr kinematographisch gewachsen. Einmal sitzt Connie allein in der U-Bahn, sie kommt vom Buchhändler, sie will nach Hause – und alles, ihr Körper und Gesicht, wird zum Schauplatz einer Verzückung, die von Gemetzel nicht zu unterscheiden ist. Allein diese U-Bahn-Szene: das Wesen der Sexualität auf Diane Lanes Gesicht rechtfertigt „Untreu“. Lyne braucht auch keinen Ehemann als Versager. Er behandelt lediglich das Allerwelts-Mittelschichtsproblem. Jede Mittelschicht des Lebens möchte mal zurück in ihre Anfangsschicht. Es geht nicht um den jungen Bücher-Geck, auch wenn Connie das noch so sehr glaubt, weil ihr Körper das glaubt, es geht um eine Selbstbegegnung.

In 21 Berliner Kinos, OV im Cinemaxx Potsdamer Platz und im CineStar im Sony-Center

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