Was machen wir heute? : Abstürzen

Von "flugunfähigen Fluggeräten", die doch kein Aufsehen erregen können.

David Ensikat

Mein Schulfreund wollte Pilot werden, ein Berufswunsch, den ich nie hatte. Ich wollte so ein Mann mit Fähnchen werden, der die Straßen in Oberschöneweide für die Industriebahn des Kabelwerks Oberspree absperrte. Den Schulfreund beneidete ich aber für seine Modellflugzeugsammlung, KWO-Industriebahnmodelle gab es nicht.

Wir kamen in ein Alter, in welchem man seinen Berufswunsch überdenkt und einem ratlosen Defätismus verfällt. Wir kleideten uns schwarz, wollten gar nichts mehr werden und beschlossen, ein Zeichen zu setzen: Alle Flugzeuge des Freundes wollten wir aus dem Hochhausfenster werfen, sie sollten weit hinausfliegen, irgendwo im Wohngebiet zerschellen und von unserer kritischen Haltung gegenüber allem künden.

Es waren sorgsam zusammengeleimte Modelle aus Plastik mit den Aufklebern der Fluggesellschaften Interflug und Aeroflot, und sie waren allesamt absolut segeluntauglich. Sie fielen wie die Steine zu Boden, egal in welchem Winkel wir sie warfen. Von unserer kritischen Haltung konnte nur erfahren, wer direkt unter dem Fenster meines Freundes vorbeikam. Aber es war Mittagszeit, da kam niemand vorbei. Wir waren jung und ungestüm, es handelte sich um eine spontane Aktion, abgesehen vom Plastikmüll vor dem Haus, blieb sie folgenlos.

Ich erinnerte mich dessen, als ich zu einer Ausstellung eingeladen wurde. Ein polnischer Künstler hat Exponate zum Mythos von der "Reichsflugscheibe" hergestellt, einem Nazi-Ufo, das 1945 in der Arktis zwischengelagert worden sein soll, so munkeln die Verwirrten. Ich informierte mich über die Flugobjektentwicklung jener Jahre und erfuhr, dass Prototypen runder Flugobjekte stets exakt die Flugeigenschaften der späteren Modelle meines Freundes hatten, obgleich jene gar nicht rund waren. Der Künstler will, so scheint es, mit dem Thema "flugunfähige Fluggeräte" Aufsehen erregen. Uns ist das vor 25 Jahren nicht gelungen.

"Haunebu" noch bis 30.8. in der Galerie Zak Branicka, Lindenstraße 35, Kreuzberg.

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