Was machen wir heute? : Abwarten und Tee trinken

Anselm Neft

Kaum will ein Mensch eine Geistesarbeit beginnen, stachelt der Demiurg seine Hyliker zu so sinnlosem wie geräuschvollem Treiben an, das den Geistesarbeiter stören und von seinem Vorhaben abbringen soll. Gerade hatte ich den Plan gefasst, mich selbst mit einem genialischen Roman zumindest vorübergehend aus dem Kerker der Materie heraus zu schreiben, da zogen Arbeitsmänner in den Vor- und Hinterhof meiner Wohnung und entfachen dort seitdem ein polyphones Inferno.

Gegen 7 Uhr werden Ziegelsteine und Eisenstangen aus dem vierten Stock in einen Container im Hof geworfen. Sodann erklingt wahlweise Bohren, Hämmern oder ein Rasseln, wenn schwere Dinge die Rutschbahn ineinandergesteckter Plastikeimer passieren. Beim Hämmern wackeln die dünnen Mietskasernenwände, beim Bohren auch. Dazu erklingt blechern Chartmusik aus einem CD- Spieler, während die rauen Rufe der rustikalen Gesellen vielfach verstärkt von den Häuserwänden widerhallen. Wenigstens gibt es jetzt ein Dixiklo und die armen Männer, die viel Bier trinken müssen, weil ihre Kehlen staubig werden, sind nicht mehr genötigt, in die Hofecken zu urinieren.

Höflich frage ich einen, dessen Pullover ein Eisernes- Kreuz-Motiv ziert, wie lange das Getöse fortgesetzt werde. Aus trüben Augen sieht er mich an und bellt: „Juni 2011“. „Auch samstags“, feixt sein kopftuchtragender Spießgesell. Ich spanne ein schmerzhaftes Lächeln ins Gesicht. „Schön, dass es im gentrifizierten Prenzlauer Berg noch immer so viel zu bauen gibt“, sage ich und ernte Schulterzucken. Abends, als ich das Werkeln des Tages beinahe schon vermisse, lese ich wie so oft im Buch Hiob und denke: Rechne nicht mit Gott, oh Menschenseele. Du weißt noch nicht einmal, wie viele Hammerschläge morgen dröhnen werden. Wie willst du da wissen, was sich der Herr dabei dachte, als er diese Welt aus Rauch und Schall erschuf? Vor allem aus Schall. Anselm Neft

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