Was machen wir heute? : Alte Platten hören

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Jochen Schmidt

Wenn ich krank war, und im Fernsehen gab es nur das Testbild, wurde der Plattenspieler aufgebaut, der so unpraktisch konstruiert war, dass sich die Acryl-Abdeckung über Langspielplatten nicht schließen ließ.

Im Gegensatz zum Fernsehen haben meine Eltern das Schallplattenhören nicht reglementiert, weil es „die Fantasie anregt“. Ich wollte so leben wie Ehm Welks „Heiden von Kummerow“, ich litt, weil Alfons Zitterbacke von den dummen Erwachsenen immer zu Unrecht bestraft wurde, ich gruselte mich beim „Flaschenteufel“ von Stevenson und hörte hundert Mal „Die sieben Geißlein“ mit Joseph Offenbach. Die besten Schauspieler des Landes sprachen diese Kinderproduktionen ein: Kurt Böwe, Käthe Reichel, Dieter Mann, Klaus Piontek, Jutta Wachowiak, Fred Düren. Bevor ich sie im Theater sah, hatten sich mir ihre Stimmen schon so tief eingeprägt, dass sie mir heute noch direkt in die Seele fahren.

Inzwischen hatte ich schon eine Freundin, die nicht mehr wusste, wie man einen Plattenspieler bedient, aber meine Tochter hat das gelernt und hört nun meine DDR-Hörspielplatten, und ich freue mich, dass sie genau wie bei mir damals funktionieren.

Wie kommt es, dass in den menschenverachtenden Diktaturen Osteuropas so anspruchsvolle Kinderunterhaltung produziert wurde? Das war ja nicht nur in der DDR der Fall, sondern überall, bis ins finstere Rumänien.

Wenn man jährlich hunderttausende bundesdeutsche Schüler in die Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen schickt, sollte man doch auch ein paar von ihnen die Märchenplatten vorführen, um das Bild zu vervollständigen.

Natürlich war mit der Wende auch diese Tradition erst einmal beendet. Aber der Schatz, den es schon gab, war ja groß und ein paar Radiosender nutzen noch das Material. So kann man diese alten, schönen Geschichten manchmal noch hören, ganz ohne Plattenspieler. Jochen Schmidt

Sendetermine auf www.ddr-hoerspiele.net

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