Kultur : Was machen wir heute?: Auf Champagner hoffen

Daniel Haaksman

Morgen Abend kommen die hochkarätigsten Two Step-DJs Englands nach Berlin: MJ Cole, Zed Bias, Sunship und Groove Chronicles legen im Pfefferberg Platten auf. Die letzten Namen müssen Sie nicht unbedingt kennen, aber MJ Cole sollten Sie sich merken. Er ist auf der britischen Insel neben dem Sänger Craig David der wohl am meisten gefeierte Musiker des Jahres. MJ Cole hat mit "Sincere" das erste richtige Two Step-Album veröffentlicht, und das hielt sich wochenlang in den Top Ten der englischen Album-Charts. Als er im Frühjahr im WMF zum Plattenauflegen war, galt er noch als Geheimtipp, heute ist er ein richtiger Popstar. Ob ich morgen Abend in den Pfefferberg gehe, weiß ich noch nicht. Ich liebe Two Step, aber der Gedanke an den Ort der Veranstaltung verdirbt mir ein wenig die Lust. Wenn ich Pfefferberg höre, muss ich unweigerlich an eine Heavy Metal-Disco in der Nähe von Stuttgart denken, in die ich einmal als Teenager während eines Schulausflugs geraten bin: Ein schmuckloser Raum für Konzerte aller Art, dunkel, ein bisschen feucht, ungemütlich. Okay, im Sommer kann es im Pfefferberg-Biergarten sehr schön sein, aber im Veranstaltungs-Saal kommen auch nicht gerade behagliche Gefühle auf. Für eine echte Two Step-Party eigentlich der denkbar ungeeignetste Ort. In England gilt Two Step als die Musik, mit der die Rückkehr des Glanzvollen auf die Tanzflächen gefeiert wird. Frauen tragen dort auf Two Step-Partys Gucci und Versace, Männer teure Anzüge und Goldketten, dazu fließt Champagner in Strömen. Auf der britischen Insel ist Two Step Musik, mit der gewissermaßen die schönen Seiten des Lebens gefeiert werden. Bei Berliner Two Step-Partys kann von diesem Glamour-Faktor bislang kaum die Rede sein. Wenn sich hier mal jemand wirklich in Schale wirft, dann wirkt das ziemlich aufgesetzt. Natürlich, weil die hiesigen Clubgänger im Schnitt längst nicht so viel Geld verdienen wie etwa in London und sich nur die wenigsten teure Kleidung leisten können. Vor allem aber wohl auch, weil im protestantischen Berlin guter Stil, Geschmack und ja, natürlich auch Dekadenz immer noch als Ausgeburten der Hölle betrachtet werden - auch in den Clubs, und leider auch bei Two Step-Partys. Eigentlich schade. Aber wenn es schon mit den luxuriösen Klamotten nicht klappt, dann könnten sich doch wenigstens die Veranstalter von Two Step-Partys nach Orten umschauen, die zur Musik passen. Ein bisschen barock müsste es natürlich sein. Stellen Sie sich mal vor: MJ Cole im Schloss Sanssouci! Oder in einer Villa am Wannsee? Wäre das nicht großartig? Naja, Wunschdenken! Aber vielleicht klappt es ja das nächste Mal, wenn Londoner Two Step-Größen wieder in der Stadt sind. Ich halte Sie auf dem Laufenden.

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