Kultur : Was machen wir heute?: Auf den Eismann warten

Heike Jahberg

Manchmal spielen wir ein Spiel, das heißt "Ekel-Essen" und geht so: Jeder muss ein Gericht erfinden, das ganz besonders eklig schmeckt. Die Kinder sind dabei sehr erfinderisch. Zu den Favoriten gehören Kirschpudding mit Nacktschneckenschleim oder Schweinefüße mit Lakritzsoße und rostigen Nägeln. Das "Ekel-Essen"-Spiel eignet sich hervorragend, um in schnöseligen Restaurants die Wartezeit aufs Essen zu verkürzen. Für längere Autofahrten ist es nur bedingt geeignet, vor allem für Kinder wie Tom, denen auch ohne die Vorstellung von Froschgalle in Himbeersoße speiübel wird. Dann muss man ganz schnell das Programm wechseln - hin zu den schönen Dingen des Lebens. Und das ist vor allem: Eis.

Früher aß Tom (fünfeinhalb) nur Schokoeis, aber diese Zeiten sind vorbei. Heute schlingt er nahezu alles in sich hinein, was halb- oder tiefgefroren ist. Ob Vorratspackung oder Einzelportion, ob am Stiel, in der Waffel oder aus der Tüte, vom Italiener oder Amerikaner, soft oder hart - egal. Alles findet seinen Weg in den Magen des größten lebenden Eisvernichters unter der Sonne Zehlendorfs. Hier gibt es Öko-Eis und die neusten Kreationen aus deutschen Chemielabors in friedlicher Koexistenz. Drei Eis am Tag sind Standard. Doch selbst das reicht Tom noch lange nicht: Seitdem er gesehen hat, dass unsere Freundin Claudia nach ihrer Mandeloperation Vanilleeis zum Mittagessen verspeist hat, will auch unser Sohn seine Ernährung entsprechend umstellen - und notfalls dafür sogar seine Mandeln opfern.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Damit Sie die ungeheure Tragik der Geschichte verstehen können, die ich Ihnen nun erzählen muss. Die Geschichte von Tom und dem Eismann. Der kam nämlich jeden Tag zur selben Zeit mit seinem Eiswagen in unsere Straße, klingelte und wartete auf Kundschaft. Das war im Wesentlichen Tom. Doch mit der Zeit wurde das Kind nachlässig und begann, mit seinem Eisgeld herumzuspielen. Nachdem die eine oder andere Mark auf diesem Weg im Gully verschwand, beschloss ich durchzugreifen, und fortan gab es kein Geld für den Eismann mehr. Unser Sohn verfiel in tiefe Trauer, doch ich blieb hart, und der Eismann klingelte vergeblich.

Eines Tages jedoch fand unsere Nachbarin die verloren geglaubten Münzen im Gully wieder und gab sie Tom zurück. Der nahm das Geld und wartete. Wartete auf den Eismann. Wartete auf dem Bürgersteig, wartete auf der Bank, wartete auf dem Spielplatz - das Geld fest umklammert in der kleinen Faust. Am nächsten Tag wartete das Kind wieder, doch der Eismann ist seit jener Zeit nicht mehr aufgetaucht. Ich glaube, die Geschäfte liefen zu schlecht, Tom glaubt, der Mann sei entführt worden - von Außerirdischen, die auch mal Eis schlecken wollen. Spätestens wenn alles aufgegessen ist, meint unser Sohn, kommt der Eismann zurück auf die Erde. Und deshalb wartet Tom - und wartet und wartet und ...

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