Kultur : Was machen wir heute?: Aufs Glatteis begeben

Bernd Ulrich

Autorität entsteht durch Distanz, sagt man. Zumindest stimmt das Gegenteil: Nähe bedeutet Autoritätsverlust. Offenbar. In den letzten Wochen habe ich mehr Zeit zu Hause verbracht als sonst. Einmal wegen der Weihnachtstage und dann, weil ich gerade an einer Biografie über Joschka Fischer schreibe. Nun sitze ich also dauernd im Schlafzimmer und hacke auf meinem Laptop herum.

Mein innerfamiliärer Ansehensverlust begann damit, dass meine Älteste mich dabei erwischt hat, dass ich zwischendurch heimlich mit dem Computer Schach gespielt habe, anstatt mich mit den Schachzügen des Außenministers zu beschäftigen. Bei diesem Schachprogramm kann man sich einen Gegner aussuchen, meiner heißt Aaron und spielt noch ein bisschen schlechter als ich. Also gewinne ich meistens, das ist gut, denn es baut mich auf und dann läuft das mit der Biografie über den Siegertypen gleich viel schneller. So lange Erklärungen hörte sich Franziska natürlich nicht an. Vielmehr lief sie mit ihrem Triumph gleich zur Tür hinaus, um ihn mir bei Gelegenheit vorzuhalten, wenn ich sie wieder ermahne, sich bei den Hausaufgaben nicht ablenken zu lassen.

Auch bei Fritz hat mein Ansehen neuerdings gelitten. Weil bei uns zurzeit so viel von Joschka Fischer die Rede ist und der manchmal im Fernsehen auftaucht, hat mein Sohn mir einen weiteren Vorgesetzten angedichtet: "Ist der Joschka Fischer jetzt auch dein Chef?", fragte das bösartige Kind. (Na, da sei Gott vor.) Fritz jedenfalls glaubt mittlerweile, dass ich jede Menge Chefs habe, die mir ständig was zu arbeiten geben.

Die größte Blamage jedoch erlitt ich auf dem Eis. Die Idee kam von meiner Frau: "Lass uns doch am Sonntag in der Kulturbrauerei Schlittschuh fahren", sagte sie harmlos. Kulturbrauerei, das klingt, als würde die PDS da Kultur brauen, 200 000 Hektoliter Kultur pro Tag. Es war dann aber sehr schön: Es gibt eine kleine Eisbahn im Innenhof der ehemaligen Brauerei. Die Eisfläche ist so klein, dass auch gute Läufer nur langsam fahren können. Die Kinder sind also einigermaßen sicher. Gleich daneben ist ein Restaurant ("Soda") mit annehmbarem Essen zu humanen Preisen. Und selbst Thomas Flierl war nirgends dabei zu sehen, wie er Kultur braute. Alles recht ideal also. Bis auf das Schlittschuhfahren selbst. Ich hatte nämlich noch nie Kufen unter den Füßen. Entsprechend unbeholfen holperte ich übers Eis, wie ein Betrunkener, der nach dem Taxi winkt. Nur Luise, unsere kleinste, konnte es noch schlechter - zu Anfang. Doch schon beim zweiten Mal fuhr die ganze Familie besser als der Vater. Alle vier grinsten mich stolz und frech an, während sie Runden fuhren, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Dafür wird Aaron büßen müssen. Ende Februar wird das Buch fertig, dann bin ich nicht mehr so oft zu Hause, habe nur noch einen Chef und werde innerfamiliär wieder Ansehen durch Abwesenheit gewinnen. Dann, ich weiß es jetzt schon, werde ich mich nach diesen Wochen zurücksehnen, nach der Familie, nach Aaron und nach glattem Eis.

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