Kultur : Was machen wir heute?: Beim Fondue betrügen

Markus Huber

Mag sein, dass dem lieben Gott bei der Entwicklung des Menschen einige Schnitzer unterlaufen sind - aber ein paar Dinge, die hat er vorzüglich hingekriegt. Österreich im Allgemeinen, die Österreicher im Speziellen und den Weihnachtsmarkt vor dem Wiener Rathaus sowieso. Die tollste Leistung des Herrn aber ist die Evolution, die Entwicklung der Arbeitsteilung und damit verbunden des Wirtschaftskreislaufes.

Ich merke das - nicht nur, aber auch - in diesen Tagen. Kleine Kinderhände nähen irgendwo in Indien hübsche Dschinshosen; eine 630-Mark-Fachkraft verkauft sie mir um eine Bagatelle ,und ich lege die Dschinshose meiner minderjährigen Schwester unter den Weihnachtsbaum. Die freut sich in Maßen, gibt die Hose nach einem Jahr praktisch ungetragen zur Altkleidersammlung der Indien-Hilfe unserer Pfarrei und, Potzblitz, schon freut sich die kleine Inderin mit etwas Glück gleich doppelt.

Ähnlich gut gelungen ist die Arbeitsteilung auch, was Kochen und Küche betrifft. Ich esse für mein Leben gern, und hasse kochen wie die Pest. Schürzen tragen und mit halb rohen Lebensmitteln herumpantschen - das ist nur was für Frauen und Männer, die sich selbst genügen, sagt mein Vater immer, und ich muss sagen, wo er Recht hat, hat er Recht. Vor allem rund um die Weihnachtsfeiertage genieße ich an der Seite meines Vaters mein Leben und erfreue mich an allem, was die weibliche Hälfte unserer Großfamilie so zu Stande bringt. Herrliche Tage stehen mir bevor.

Ähnlich gerne lasse ich mich von Freunden abends einladen. Vor allem Freundin B. ist, nicht nur, aber auch, wegen ihrer Kochkünste eine meiner liebsten. Alle paar Wochen versammelt man sich in B.s großem Esszimmer, meistens serviert sie dann irgendwelche ost-asiatischen Leckereien.

Neulich Abend war es wieder so weit. Mit knurrendem Magen freute ich mich darauf, die Beine unter einen edel bestückten Tisch zu strecken. Doch B. hatte eine Überraschung parat. Sie pfiff auf die Arbeitsteilung, stellte einen Topf siedendes Wasser auf den Tisch und warf ein paar Fleischteilchen dazu. Das wars. Fondue essen ist wieder groß in Mode, sagte sie und lachte. Mir ganz entgangen, sagte ich und schmollte. Mit finsterer Miene und nur einem Spieß bewaffnet machte ich mich an die Arbeit. Es war wie verhext. Die Hälfte meiner Fleischteilchen verschwanden auf rätselhafte Weise von meinem Spieß und ich könnte schwören, dass Freundin V. bei jedem Durchgang mehr Fleischteilchen aus dem Sud rauszog, als sie zuvor reingeworfen hatte.

Nach einer halben Stunde reichte es mir. Ich stellte V. zur Rede. Du betrügst doch, sagte ich. Sie sagte gar nichts und lächelte. Kurz bevor ich mit dem Spieß auf sie losgehen konnte, schritt Freundin B, ein und hielt mir eine Standpredigt über "ausgleichende Gerechtigkeit am Beginn eines neuen Jahrtausends." Blöde Evolution, dumme Arbeitsteilung, dachte ich und hungerte weiter. Am nächsten Tag ging ich ins "Amrit" in der Oranienburger Straße und bestellte eine extragroße Portion Hühnchen mit irgendwas. Das kann der Inder wirklich gut.

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