Kultur : Was machen wir heute?: Bobo lesen

Dorothee Nolte

Auffallend ist ja der Kontrast zwischen dem Bewegungsdrang eines Zweieinhalbjährigen und der Sklerose, die den erwachsenen Menschen spätestens ab dem 30. Lebensjahr befällt. Der Erwachsene an sich ist träge. Wenn er sich überhaupt mal bewegt, dann zu klar definierten Zwecken, im Fitness-Studio, beim Tanzen, auf dem Fahrrad. Ansonsten schreitet er gemessenen Schrittes durchs Leben, wiederholt eingespielte Bewegungen und versucht jede überflüssige Anstrengung zu vermeiden.

Ich bin da keine Ausnahme. Auf dem Spielplatz sitze ich am liebsten auf einer Bank am Rande und quatsche mit Bekannten, genau wie es eine 90-Jährige täte. Keineswegs brenne ich darauf, mich im Sand zu wälzen, die Hängebrücke entlangzuhangeln oder die Rutsche zu erklimmen, ich springe auch nicht juchzend vom Mäuerchen oder wippe auf Elefanten mit Sprungfeder hin und her. Genau das aber erwartet das Kind von mir. Ständig reißt mich das Kerlchen aus meiner wohlverdienten Sitzposition und treibt mich an, Schwung zu geben, Bällen hinterherzulaufen, Pferd zu spielen oder - "Mama soll da hoch!" - aufs Klettergerüst, die öffentliche Tischtennisplatte oder den heimischen Kleiderschrank zu klettern. Kurz, es hätte am liebsten eine fünfjährige Mutter oder eine mit Allradantrieb. Pech! Bei mir sind in aller Regel nur die Mundwerkzeuge in Bewegung, hin und wieder auch die Gehirnzellen. Der Rest sitzt rum.

Deswegen bin ich so froh, dass es Bobo gibt. Bobo ist erst vor einem halben Jahr in mein Leben getreten, aber wir vertiefen unsere Bekanntschaft allabendlich. Mein kleiner Verbündeter ist ein Bär von gut zwei Jahren mit gestreiften Shorts, der durch die Geschichten des Zeichners Markus Osterwalder stapft, volle drei Taschenbücher lang. Bobo erlebt grundsätzlich nichts Spektakuläres, er geht mal mit der Bären-Mama einkaufen, mit der Oma in den Zirkus, mit dem Papa an den Strand. "Papa ist gekommen", lautet ein typischer Satz unter einer Zeichnung, "Papa gibt Bobo noch ein Küsschen", "Nun muss Bobo Sirup trinken". Nicht gerade ein Thriller.

Aber Bobo schafft es, mein wildes Kind, das am liebsten im Kronleuchter turnt, zu zähmen, Bobo lockt es neben die matte Mutter aufs Sofa, Bobo kann uns stundenlang beschäftigen. "Das issja lustich!", kommentiert das Kind: "Bobo lacht!" und lacht sich tot. Sein Humor ist für mich nicht immer nachvollziehbar. Aber ich genieße das Stillsitzen.

Kürzlich fragte mich das Kind mitten in der Bobo-Lektüre: "Mama, bist du alt?" Oh nein, wollte ich im ersten Impuls rufen, alt sind Oma und Opa, deine Mutter dagegen ist blutjung, ein Reh, kaum der Pubertät entsprungen! Dann hielt ich inne und erkannte die Wahrheit. "Ja Schatz, Mama ist steinalt, ein Fossil, dem Tode geweiht", antwortete ich mit brüchiger Stimme, senkte mein ergrautes Haupt, und die morschen Knochen knirschten im Takt.

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