Kultur : Was machen wir heute?: Böllern!

Harald Martenstein

Weihnachten ist in diesem Jahr ein bisschen anders gewesen als üblich. Wir waren vor der Bescherung erst mal ganz normal Schlitten fahren, das Kind und ich. Obwohl - das "wir" ist in diesem Falle eine journalistische Übertreibung. Das Kind fährt am liebsten alleine, weil das cooler aussieht. Die Aufgabe der Begleitperson besteht darin, am Rande der Piste zu stehen und in regelmäßigen Abständen bewundernde Kommentare über seinen eleganten Fahrstil, seinen Mut oder seine Geschwindigkeit zu machen. Plötzlich aber stürzte das Kind, Flocken stoben empor, Schmerzlaute waren zu hören. Oho, da sollte man als Aufsichtsperson wohl mit großen Schritten hinlaufen und nachschauen.

Ich bin dann zu Hause wieder aufgewacht. Ich saß neben dem Weihnachtsbaum, wackelte lallend mit dem Kopf und wurde mit stark gesüßtem Brei gefüttert. Im Körperinneren war so ein Brummen vernehmbar, und die Zähne wackelten. Dem Kind ging es bestens. Es sagte: "Du bist hingefallen, Kopf aufs Eis, das hat gekracht. Du warst völlig weg. Männer sind gekommen und haben dich wieder hingestellt. Die Männer haben gemeint, ich soll dich nach Hause bringen. Magst Du noch ein Löffelchen Brei?" Ich antwortete: "Ga, ga, ba, ba." Das letzte Mal habe ich im Alter von drei Monaten Weihnachten auf diese Weise gefeiert.

Nunmehr besitze ich laut Auskunft unseres Redaktionsarztes 500 000 Hirnzellen weniger, wie ein Boxer nach einem Knockout, aber Gesundheit ist ja nicht alles. Das Abenteuer und den Spirit of Freedom kriegt man nicht ohne Risiko. Auch in der Silvesternacht wird es darauf ankommen, gut rennen zu können, wenn man sie gesund überstehen möchte. Sonst erwischen einen die Querschläger. Hat jemand was gegen Feuerwerk gesagt? Wir sind dafür, voll und ganz, wir halten nicht viel von der Aktion "Brot statt Böller". Unsere Position lautet so: Wenn denn zugunsten der Dritten Welt ein überflüssiges und kostspieliges Ritual aus unserem Jahreslauf verschwinden muss, dann zum Beispiel die 1.-Mai-Demo in Kreuzberg ("Brot statt Bullenklatschen") oder die ständigen Umbenennungen der Radiosendungen im SFB ("Brot statt Programmreformen") oder meinetwegen das Laternenfest ("Brot statt Basteln im Herbst").

Das Knallen an Silvester schmiedet Väter und Kinder zusammen, vor allem, weil die Mütter meistens dagegen sind. Mit dem Silvesterknallen sollen bekanntlich die bösen Geister vertrieben werden, und wann hatten wir das in letzter Zeit nötiger als in diesem Jahr? Es ist auch gar nicht so gefährlich, wie man denkt. Vorausgesetzt, man kann gut weglaufen und sich gut ducken.

Das Kind macht sich Sorgen. "Du hast jetzt 500000 weniger Speicherplatz auf deiner Festplatte. Passt da jetzt noch alles drauf?" Ich sage: "Das waren genau die Hirnzellen, die ich für das Basteln im Herbst und fürs Schuheputzen gebraucht habe. Damit ist jetzt leider Schluss." Denn unsere Generation, die in der Schule fleißig Dialektik gelernt hat, kann aus jeder Situation ihren Vorteil ziehen.

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