Was machen wir heute? : Dahinschmelzen

Wie ein Rentnerdie Stadt erleben kann

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Wann, wenn nicht jetzt, zu Ostern? Das ist genau die rechte Zeit, über jenes Produkt zu reden, von dem die amerikanische Autorin Sandra Boynton sagt, es könne für das allgemeine Wohlbefinden Wunder wirken, Enttäuschungen verhindern, Frustrationen mildern, Freude machen, trösten – und sogar das Feuer der Liebe entfachen. Schokolaaaade!

Schon das Wort zergeht auf der Zunge, und ich behaupte mal, die DDR hätte ein paar Wochen länger existiert, wenn die damals mehr von dem schwarzen Gold importiert hätten. Aber dazu fehlte ihnen das harte Geld, und so war, erinnert sich der Rentner, Schoko für ihn immer ein Phantom: Bis zum Jahr 45 sowieso, und danach auch, denn die Republik hatte zwar Buletten und Bockwurst, aber statt Schoko- nur „Vitalade“. Die hatte nie im Leben neben Kakao gelegen, so schmeckte sie auch. Also kamen uns die Brüder und Schwestern zu Hilfe, Schokolade war ein fester Bestandteil des Osterpakets aus dem Westen, schon die Kinder erfuhren dabei, dass der Kapitalismus zwar stirbt, aber dies sehr langsam, sehr süß, und in Schönheit.

Wer heute eine Art Schokoladenschlaraffenland auskosten möchte, muss in die Französische Straße gehen. Neben dem Lafayette lockt die bunte Schokowelt im Quadrat. Zuerst darf man sich die Zutaten für „seine“ Tafel selbst aussuchen und dabei beobachten, wie der Chocolatier den dunklen Brei zusammenrührt, in eine Form gießt und abkühlt, bis das Unikat fertig ist. In einer Ausstellung kreischen die Vögel im Regenwald, wir erfahren die Kakaobohnen-Story und die der Familie Ritter, die seit 1932 die Tafeln in jene quadratische Form presst, die bequem in die Jackentasche eines Fußballfans passt. Zum Verdauen setzen wir uns in die Schokolounge, trinken Glückshormone, essen ein „Brandenburger Tor“ (Rührei mit Schinken, ohne Schoko) und gucken, wer gegenüber im Borchardt ein- und ausgeht. Wer hat es besser? Lothar Heinke

Bunte Schokowelt, Französische Str. 24, tägl. 10 bis 20 Uhr, sonntags 10 bis 18 Uhr

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