Was machen wir heute? : Das jüngste Gericht

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Ihre erste Begegnung mit Matthias Koeppel wird die Rentnerin nicht vergessen. Lange her, 1987 sah sie ihm im Goldenen Saal des Schöneberger Rathauses bei der Arbeit an einem Wandbild zu: der Diepgen-Senat samt Opposition vor dem Gropius-Bau mit Blick über die Mauer auf den Preußischen Landtag. Ein seltsamer Kasten, den er aufs Landtagsdach setzte, irritierte sie. „Ich male, was ich sehe“, sagte er nur. Nach dem Fall der Mauer war das Rätsel rasch gelöst. Die Stasi hatte dort eine Abhörstation, der Westen Berlins wurde belauscht.

Neulich sah sie Koeppel und seiner aus Seoul stammenden Frau Young-Sook, Künstlername Sooki, wieder zu. Die beiden erklärten ihre neuesten, noch nicht ganz fertigen Werke – das jüngste Gericht gleich zweimal, sehr fantasievoll. Bei ihm ist es ein Event mit TV-Übertragung am Brandenburger Tor. Er malt eben den Zeitgeist, den er sieht. Wieder ist allerlei Prominenz dabei, von Josef Ackermann bis Thilo Sarrazin. Klaus Wowereit balanciert verwegen auf einer Leiter. „Da fehlt noch Renate Künast, wie sie ihm die Leiter wegziehen will“, sagt er. Angela Merkel guckt kritisch, Rudi Dutschke streng. Auf dem Riesenrad geht es himmelwärts zum Paradies. Andere stürzen kopfüber in die Spree. Koeppel selbst verewigt sich als gefallenen Engel mit Sooki im Arm.

Das Motiv des gefallenen Engels faszinierte beide im Dom von Orvieto an Luca Signorellis Gemälde Die Verdammten. Nun malt Sooki das Bild schwarz-weiß verfremdet nach und stellt flüchtige Betrachter davor, Handy am Ohr.

Die ironische Betrachtung der Realität passt ganz gut zur Berliner Mentalität. Sooki hat ein Sonett von Koeppel zur Hand, das auch passt. „Bösewichte der Geschichte/ kennt die Menschheit zur Genüge./ Wer sie hier zusammentrüge,/ schaffte es nicht im Gedichte.“ Brigitte Grunert

Galerie SMK, Wittelsbacher Straße 28, Wilmersdorf, Besucher bei Koeppels willkommen am 16. und 17. Oktober von 15 bis 18 Uhr, Anmeldung unter 0177 873 89 34.

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