Was machen wir heute? : Dem Audioguide lauschen

Nicola Kuhn

Jan und Josefine haben eine neue Leidenschaft: den Audioguide. Angefangen hat diese Liebelei mit einem Besuch bei den „Schönsten Franzosen“ in der Neuen Nationalgalerie. Dort haben sie die Bekanntschaft mit Henri gemacht, zumindest mit seiner unwiderstählischen Stimme. Henri geleitet akustisch die jüngeren Besucher, gern auch die Erwachsenen, durch die Impressionisten-Schau und erklärt ihnen per Knopfdruck mal dieses, mal jenes Werk. Das macht er mit kleinen Anekdoten und den Bildfiguren abgelauschten Dialogen auf solch umwerfende Art, dass allein das Hören des Soundtracks lohnt. Die entsprechenden Bilder stellen sich von selbst dann ein. Im Kinderzimmer von Jan und Josefine dudelt nun tagaus, tagein die CD. Sobald sie sich wieder an das Gemälde erinnern, rufen sie begeistert „Voilà! Das ist doch die schöne Frau mit dem weißen Kleid!“ So kann es gehen: Kunstgeschichte für Sechsjährige leicht gemacht.

Diese erhöhte mediale Anteilnahme bleibt nicht folgenlos. Seitdem bestehen Jan und Josefine bei jedem Ausstellungsbesuch nicht nur auf einer persönlichen Eintrittskarte, sondern auch auf einem eigenen Audioguide. Natürlich haben die bildungsbeflissenen Eltern nichts dagegen. Die zwei, drei Euro sind in Kinder und Ausstellungshäuser gut investiert. Nur kann es einen „Henri“ kein zweites Mal geben, auch im Haus am Waldsee nicht, wo die Werke seines Namensvetters Henry Moore zu sehen sind. Statt mit französischem Säuseln und kleinen Plots erzählt die Leiterin des Hauses minutenlang vom skulpturalen Selbstverständnis des britischen Bildhauers. Und der Leiter des Daad-Künstlerprogramms erklärt wissenschaftlich korrekt, woher die offenen und geschlossenen Formen der Liegenden stammen. Gerettet hat Jan und Josefine das auf dem Display des Audioguides eingespielte Bildprogramm. Dort erscheint irgendwann Mrs. Moore in ihrem Hochzeitskleid. Wieder eine Frau in Weiß! Die Wege der Kunstgeschichte sind manchmal rätselhaft. Nicola Kuhn

Die Audioguide-CD ist im Museumsshop der Neuen Nationalgalerie zu erwerben.

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