Was machen wir heute? : Dem Frühling trotzen

Jochen Schmidt

Im Renaissance-Theater musste man nur ein bisschen orientierungslos im Foyer stehen, schon wurde man von einer netten Dame gefragt, ob man die Toilette suche. Ob die fürsorgliche Behandlung etwas über den Altersschnitt der Besucher aussagte? Draußen roch es nach Frühling, der Körper hatte mit einer Bronchitis reagiert, so richtig hatte man diese Jahreszeit gar nicht vermisst, in der sich die Cafés nach außen stülpen und die Bürgersteige mit Sonnenbrillenträgern verstopfen. 1990 hatte man eine Performance machen wollen, „Frühstück auf der Schönhauser“, damals war Kunst noch dem Leben voraus. Jetzt sah man Jonathan Meese im Theater eine Stunde lang „Selbstverwirklichungsfanatismus der Mickrigen!“ brüllen und die Diktatur der Kunst ausrufen. Ein bisschen wie Helge Schneider ohne Humor und Musik. Auf dem Klo wusch sich jemand vor einem ausgiebig die Hände, als sei er extra dafür hergekommen. Bestimmt Künstler, dachte man voller Verachtung. Drei Kameras filmten Meese, der ein sanfter Mensch zu sein schien, den aber nichts zu einem Auftritt vor Publikum qualifizierte. Das war alles so West-Berlin. Auf der Rückfahrt mit der U-Bahn Christa Wolfs „Was bleibt“ zuende gelesen, über eine Lesung, auf der die Stasi einen Großteil des Publikums stellte. Nachgedacht, ob aus dem Buch hervorging, wo genau sie 1979 in der Friedrichstraße gewohnt hat. Neben dem Hotel „Adria“, das nicht mehr steht. Durchs Erkerfenster sah man den Bahnhof, bald sicher nur noch das neue Hochhaus davor. Der Parkplatz vor dem Haus war jetzt bebaut. Wann war die Innenstadt eigentlich unter die Räder gekommen?

Zurück in der Schönhauser in der Videothek die vierte Staffel „Seinfeld“ geholt und ins Bett gelegt zu den Bakterien. Die einen warten auf den Frühling, die anderen darauf, dass der Husten sich löst. Die Mutter sagt am Telefon genau, was man von ihr erwartet hat: „Und Halswickel!“ Jochen Schmidt

„Seinfeld“, neun Staffeln, je 4 DVDs, ca. 25 Euro, in der Videothek billiger.

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