Kultur : Was machen wir heute?: Den Arzt rufen

Britta Wauer

Aus aktuellem Anlass widmen wir uns heute mal den Kranken. Halb Berlin besteht aus Grippe-Viren-Trägern und falls Sie noch nicht dazu gehören, dürfen Sie jetzt beten, dass das so bleibt.

Alles begann mit den Franzosen. Wegen der Berlinale waren sie zuhauf in der Stadt, wie Vertreter anderer Nationen natürlich auch. Aber meine französische Freundin, die eines Tages eine wohl beachtete Regisseurin sein wird, hatte eine Idee für einen Film: Ein junger Arzt, der aufs Land versetzt wird, fasziniert die jungen Frauen dort und wird von ihnen wegen nichtiger Angelegenheiten jederzeit gerufen. So zumindest die Ausgangslage der Geschichte, die man nicht unterschätzen darf. Meine französische Freundin hat einen siebenten Sinn. Sie ahnte auch schon eine Woche vor der Preisvergabe, dass ihr Landsmann Jacques Gamblin einen Bären für seine schauspielerische Leistung erhält.

Etwa zu dieser Zeit, mitten im Trubel der Filmfestspiele, hörte ich zum ersten Mal vom aktuellen Virus. Eine Bekannte hatte die allgemeinen Grippe-Symptome, als Zugabe aber angedeutet, dass sie fast drei Tage nicht mal Wasser trinken konnte, weil nichts in ihrem Körper blieb. Ihr Freund hat irgendwann einen Arzt gerufen, weil er fand, dass das nicht gesund sein könne. Der Notarzt hat ein paar Spritzen gegeben und irgendwie schien es auch geholfen zu haben.

Von den gleichen Symptomen und einem gerufenen Notarzt berichtete mir etwa eine Woche später auch ein guter Freund mit wehleidiger Stimme. Dummerweise war das zwei Tage, nachdem ich bei ihm zum Essen war und ein Tag, bevor es bei mir losging. Ich war gerade bei einer Freundin zu Besuch, die in meine glasigen Augen starrte und sich zu telefonischen Beratungen mit ihrem Freundeskreis in die Küche zurückzog. Mich nahm sie zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr für voll, weil ich abstritt, Fieber zu haben. Die Küchentelefonate hatten wohl ergeben, dass sie besser einen Arzt rufen sollte. Ich konnte darüber nicht diskutieren, weil ich keine Stimme mehr hatte. Dennoch war ich erleichtert über den Entschluss, weil ich inzwischen kaum noch Luft bekam.

Der Arzt war nach zweieinhalb Stunden da. Ich versuchte röchelnd, meinen Zustand zu erklären, und obwohl ich meine Augen kaum offenhalten konnte, bemerkte ich den genervten Ausdruck in seinem Gesicht. Er verstand mich nicht und drehte sich zu meiner Freundin. In diesem Moment fiel mir der französische Landarzt ein aus dem Film, der erst noch gedreht werden musste. Das wievielte Mal hatten ihn heute hysterische Weiber wegen ein bisschen Husten gerufen?

Meine französische Freundin ist übrigens noch gesund und im Hinblick auf ihren Film glücklich über die ganzen Geschichten von ärztlichen Hausbesuchen. "So sind die Ärzte", sagte sie später, "wenn man nicht mit einem abgehackten Bein in der Ecke herumliegt, ist man in ihren Augen kein vollwertiger Patient."

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