Was machen wir heute? : Den Dom in Köln lassen

Anselm Neft

Mit meiner Heimat, dem Rheinland, verbinden viele Berliner vor allem eins: Karneval. „Das wär’ ja nix für mich“, höre ich immer wieder, „dieses Aufknopfdruckfröhlichsein.“ Ich nicke dann brav, aber das reicht meinem Gesprächspartner nicht. „Also ehrlich, das ist doch total unauthentisch: An bestimmten Tagen plötzlich so superlustig sein.“ – „Ja“, sage ich. – „Nee, nee, nee. Und dann rufen sie alle gleichzeitig Alaaf und Helau!“ Ich nicke, obwohl natürlich nicht gleichzeitig gerufen wird. Und wenn, dann Alaaf oder Helau, nie beides. Da aber für Berliner das Rheinland entweder zum „Ruhrpott“ oder zu „Süddeutschland“ gehört, wäre eine Unterscheidung von Köln und Düsseldorf zu viel verlangt. „Und alle singen diese beknackten Lieder“, heißt es, „Wir lassen den Dom in Kölle und so’n Scheiß.“ – „Ja.“ – „Nee, ich bin lieber einfach so, wie ich bin.“ – „Ja.“

Als ich am Montag beim Spiel Hertha-BSC gegen VfL-Bochum im Olympiastadion sitze, erlebe ich Folgendes: „Seit ihr gut drauf?“, bellt Frank Zander ins Mikro, die Ostkurve grölt zurück und schwenkt Blauweiß. „Frauen haben geile Kurven, aber ihr seid die geilste Kurve“, sagt Frank Zander. Dann schunkeln alle zusammen zu „Nur nach Hause …“ auf die Melodie von Rod Stewarts „Sailing“. Als die Bochumer den Rasen betreten, erschallen Buhrufe. Und alle singen: „Ihr seid Ruhrpott-Kanacken, Ruhrpottkanaaaacken!“ Wird ein heimischer Spieler vorgestellt, sagt die Ansage den Vornamen und alle brüllen gemeinsam den Nachnamen. Während des Spiels grölt ein Anheizer elektronisch verstärkt: „Und jetzt singen wir alle: Scheißt euch in die Hosen.“ Und Tausende singen ganz authentisch los.

Im dualen Denken, dem ewigen Einerseits-Andererseits gibt es Widersprüche und Unversöhntes. Der erleuchtete Geist hingegen hat den Schleier der Maya zerrissen und singt inmitten Tausender Hertha-Fans ganz entspannt: „Mer losse d’r Dom en Kölle“. Anselm Neft

Widerspruchsfreies Einheitsdenken findet sich auch hier: www.buddhistisches-haus.de

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