Kultur : Was machen wir heute?: Den wilden Westen besuchen

Lars von Törne

Ja, ich schaue gerne Western. Gerade jetzt. Wenn mir der Berliner Winter aufs Gemüt und auf die die Gesundheit schlägt. Denn wie lächerlich ist doch ein grippaler Infekt im Vergleich zu den Alltagsproblemen der Westernhelden! Ständig trachtet ihnen jemand nach dem Leben, beleidigt ihre Männlichkeit oder will ihnen Pferd und Revolver stehlen.

Besonders gut zur Bekämpfung saisonaler Mattheit eignen sich die Breitwandepen von Sergio Leone. Zum Beispiel "The Good, the Bad and the Ugly" mit dem jungen Clint Eastwood. Ein wunderschöner Film, der auch 35 Jahre nach seinem Entstehen zeitlos elegant ist. Auf Deutsch trägt er den dämlichen Titel "Zwei glorreiche Halunken". Grund genug, ihn sich nur im Original anzugucken. Im Kino läuft er leider nur selten, vom Fernsehen ganz zu schweigen. Abhilfe schafft ein Gang in eine der besser sortierten Videotheken der Stadt.

"The Good, the Bad and the Ugly" erzählt in wunderbar lakonischen Panoramabildern und Nahaufnahmen verwitterter Männergesichter den Kampf dreier Revolerhelden - der Gute, der Böse und der Hässliche eben - um einen Geldschatz. Die Geschichte ist simpel, die Charaktere sind wandelnde Klischees, die Musik ist kitschig. Und trotzdem hat der Film ganz großen Stil. Wenn "Blondie" Clint Eastwood mit dem schmucken Dreitage-Bart langsam ins Bild schreitet, den Staubmantel nach hinten schiebt und den Revolver freilegt, den Zigarillo in den Mundwinkel drückt und seine stahlblauen Augen den Gegner ins Visier nehmen, dann ist das echte Kunst. Ebenso wie die kargen Dialoge, die in wenigen Worten die ganze Weisheit des Wilden Westens vermitteln. Wie: "Wenn Du schießen musst, schieß. Und rede nicht." Klingt im Eastwood-O-Ton natürlich viel cooler.

Wer durch den Genuss des Filmes Lust auf bildende Kunst zum gleichen Thema bekommt, der hat in diesen Tagen Glück. Die Galeristin Angelika Wieland zeigt, ebenfalls unter dem Titel "The Good, the Bad and the Ugly", Tuschezeichnungen des US-Künstlers David Rathman. Darin geht es um das gleiche Thema wie im Film: Der Cowboy als Mythos und Projektionsfläche moderner Sehnsüchte, als tragischer Verwalter eines archaischen Männlichkeitsideals. Rathmans witzige Bilder zeigen den harten Alltag der Westernhelden, vom Duell auf der staubigen Dorfstraße über den schlingernden Ritt nach dem Saloon-Besuch bis zum tragischen Ende in einer Schlinge an irgendeinem Baum. Natürlich zeitgemäß, noch ironischer und doppeldeutiger als bei Sergio Leone. Die dünne Linie zwischen Männerfreundschaft und tödlicher Feindschaft, die auch bei Leone Thema ist, zeigt Rathman im Bild zweier Revolverhelden: Einer drückt dem anderen die Pistole in die Seite und sagt beiläufig: "Sorry, aber ich muss mir Dein Pferd ausleihen." Echte Wildwest-Poesie eben.

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