Was machen wir heute? : Der Partykarawane folgen

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann - Ausgehen in Kreuzkölln.

Verena Friederike Hasel

Es gab eine Zeit, da haben meine Freundin Hanna und ich West-Berlin mit Einbruch der Dunkelheit fluchtartig verlassen. Letzte Station im Westen war oft ihre Wohnung nahe dem Hermannplatz, von dort aus fuhren wir mit Bus und Bahn in den Osten, zu den hard:edged-Parties, ins Icon, in den Toaster, in die Clubs, in denen uns die Bässe ins Morgenlicht wummerten.

All diese Orte gibt es nicht mehr. Kreuzkölln sei das neue Berlin-Mitte, sagen alle, und so trafen wir uns neulich Abend am Hermannplatz – dort, wo wir früher höchstens schnell noch eine Flasche Wein an der Tanke kauften. Unsere erste Station ist das Ori, und während im Osten inzwischen überall adrette Stuhl-Tisch-Arrangements stehen, herrscht hier noch das Würfelkonzept mit Nähmaschinentisch und verblichenem Sessel vor. An den Wänden hängen Fotos, „We got the tits“ heißt die Ausstellung, und wir haben Platz, denn wie eifrige Partystreber sind wir so früh da, dass wir den Laden für uns haben. Die nächste Bar, das „Fuchs und Elster“, ist zwar voll, aber wieder sitzen wir allein, eine Schwangere will keiner in der Nähe haben, warum ich noch in Bars ginge, fragt einer vorwurfsvoll, da bekomme man als Raucher ein schlechtes Gewissen.

Im „Kuschlowski“, ein paar Häuser weiter, versuche ich meinen Bauch deshalb diskret unterhalb der Tischplatte unterzubringen, hier sieht es mit den Tapetenresten an der Wand wirklich aus wie früher in Mitte. Aber sie wollten gar nicht das neue Berlin-Mitte sein, sagt mir einer, auch nicht Kreuzkölln. Und tatsächlich kann Neukölln gut für sich allein stehen – auf der einen Seite der Weserstraße gibt es einen Shisha-Laden nur für Mitglieder, auf der anderen die Bar Silver Future mit dem Pamphlet gegen „heteronormativen Mainstream“ an der Tür. Und wir fühlen uns, als wir aufbrechen, sogar noch besser als früher: Es regnet, und wir müssen nicht auf den Bus warten, wir nehmen das Auto.

- Ausgehen, jetzt: in der und um die Weserstraße in Berlin-Neukölln.

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