Was machen wir heute? : Der Rotbauchunke lauschen

Wie ein Neuberlinerdie Stadt erleben kann

Till Hein

In Berlin bin ich mitten im Leben angekommen. Ständig klingelt im Büro das Telefon. „Guten Tag Herr Hein. Ihr persönlicher Bankberater darf sie nach neuer Gesetzgebung nicht mehr persönlich anrufen. Daher rufe ich in seinem Auftrag an.“ Wann ich mal Zeit habe für einen Termin mit meinem persönlichen Berater? Ich lege auf. Klingeling! „Guten Tag. Wir machen eine Umfrage …“. Schon aufgelegt. Klingelingeling! „Sind Sie mit ihrer aktuellen Telefonrechnung zufrieden?“ – „Jawoll!“ Ich knall den Hörer auf. Klingeling! „Geht bei Ihnen das Fernsehen?“ Callcenter sollten verboten sein.

Zwei Tage später, abends, Krimizeit. Ich hab mir Nudeln mit Sauce gemacht und ein Bier kalt gestellt. Axel Prahl als Kommissar, was will man mehr? Leider streikt mein Fernseher: kein Empfang auf allen Kanälen. Hm, denke ich. Da war doch neulich dieser Anruf im Büro. Ob mich jemand erpressen will? Ich rufe bei der Hausverwaltung an.

„Sie waren neulich am Telefon ja ganz schön unfreundlich zu mir“, sagt die Sachbearbeiterin streng. Aber ich brauche mir keine Sorgen zu machen. Ein Nachbar habe lediglich am TV-Anschluss herumgebastelt. Seither gehe bei einigen Mietern das Fernsehen nicht mehr. Der Herr habe sich inzwischen bereit erklärt, seinen Eingriff „bald rückgängig zu machen“. Falls ich längerfristig keinen Empfang habe, solle ich mich gerne wieder melden.

Wieso nicht mal aufs Land fahren?, denke ich. Da rufen auch keine Callcenter an. Der Stechlinsee, dem Theodor Fontane einen Roman gewidmet hat, ist wunderschön, sein Wasser so klar, dass man es trinken möchte. Krisenzeiten sind auch Zeiten der Besinnung, denke ich: Wieso nicht mal Kräuter sammeln und der Rotbauchunke lauschen? Und abends bei Kerzenschein Fontane lesen. Man sollte öfter mal was unternehmen. Vielleicht muss man ja gar nicht ständig zu Hause rumhängen und Tatort gucken. Ich will es versuchen. Denn: „Aller Größe Keim, er heißt Entsagung.“ Fontane. Till Hein

Axel Prahl gibt es zum Glück auch im Kino: „Die Schimmelreiter“, heute zum Beispiel um 21 Uhr im Babylon, Berlin-Mitte.

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