Was machen wir heute? : Der Spur der Fäden folgen

Gerd Nowakowski

Richtiggehend beruhigend, dieses gleichmäßige Surren, das aus Laras Zimmer kommt. Friedvolle Stille. Kein Geschrei mehr, weil die Mädchen sich wieder um ihre Kleidungsstücke fetzen.

Monatelang gehörte das zum Alltag. Immer Geschrei, ewig wütende Reaktionen. Offenbar hängen die guten Sachen grundsätzlich im falschen Kleiderschrank, hat der Vater gelernt – von der Mütze bis zur Tasche, vom Top bis zu den Schuhen. „Nein, du nimmst nicht meine Stiefel“, schrie die 14-jährige Franca: „Danach ist dann ein Kratzer drin.“ „Ich schwöre, ich pass ganz doll auf“, entgegnete Lara. Die 17-Jährige war empört. „Du gehst doch immer an meinen Schrank und nimmst dir meine Sachen – ohne mich zu fragen.“ Von einem Top hast du den Aufkleber abgerissen und das T-Shirt eingerissen, zählte Lara die Verluste schwesterlichen Kleiderraubs auf. Da lachte Franca nur höhnisch und machte die Gegenrechnung auf – was wiederum Laras Wut anstachelte. Besonders, weil der Vater schlichtend sagte, sie müsse akzeptieren, wenn Franca nicht möchte, dass sie ihre Sachen benutzt. „Halt dich da raus“, grollte Lara: „Du verstehst das doch überhaupt nicht.“ „Danke“, sagte der Vater.

Vorbei. Es wird nicht mehr gestritten, sondern Mode gemacht. Lara hat eine Nähmaschine. Seitdem sitzt sie stundenlang in ihrem Zimmer und studiert Schnittbögen, die aussehen wie der Schaltplan für ein Atomkraftwerk. Die Nähmaschine steht arbeitsbereit auf dem Schreibtisch. Stoff liegt auf der Erde; Ärmel und Kapuzenschnitte sind mit Nadeln festgesteckt, ausgeschnittene Teile warten, unter die Nadel zu kommen. Zwei Tage hat sie an einem Top gearbeitet; genäht, versäumt und zusammengefügt. Sieht cool aus. Morgen für die Schule nichts anzuziehen? Gibt es nicht. Am Abend wird noch ruckzuck aus einem gefundenen Stoffrest ein neues T-Shirt. Die kleine Schwester hat die Tasche gemopst und den Reißverschluss kaputt gemacht? Gut, dass die selbst genähte Tasche gerade fertig ist. Nur eins ist blöd: Überall liegen jetzt Fäden herum. Gerd Nowakowski

Nähmaschinen gibt es bei Quelle ab 79 Euro.

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