Was machen wir heute? : Die Blockade noch einmal erleben

Plümper

Plötzlich sind die Bilder wieder da, Bilder der Blockade, an die der Rentner Jahre lang nicht gedacht hat und die Henry Ries exemplarisch festgehalten hat. Da sind die komischen Rucksäcke, eher Kartoffelsäcke mit irgendwie daran befestigten Strippen: „Frauen auf dem Heimweg von der Hamsterfahrt 1948/49“. Mit solchem Sack hatte seine Mutter ihn während der Blockade in Bayern besucht, nur der Sack war nicht mehr voll wie auf dem Bild, weil die Russen oder Polizisten ihr alles weggenommen hatten, als sie an der bayrischen Grenze geschnappt und zudem für einen Tag eingesperrt wurde.

Und da sind die Flugzeuge, es sind alles viermotorige. Der Rentner allerdings wurde in ein zweimotoriges gesetzt. Das war die „Kinderluftbrücke“, von der Arbeiterwohlfahrt organisiert, um den 9-Jährigen aus dem hungernden und frierenden Berlin zu retten. Das Flugzeug schwankte fürchterlich - es gab „Luftlöcher“ wegen der von den Russen vorgeschriebenen geringen Flughöhe. Alle Kinder im Flugzeug hatten gekotzt, nur der Rentner und sein Bruder nicht. Sie hatten Hunger und alle geschenkten Kekse aufgegessen, danach hatten sie noch die Kekse der kotzenden Kinder eingesammelt. Weiter ging es mit dem Zug nach Fürth in Franken. Und plötzlich hatte er eine neue und vollständige Familie: Vater, Mutter, Oma und Opa und dazu noch einen kleinen Hund. Der Rentner überlegt, wie er die Trennung von seiner Mutter und später in Bayern von seinem Bruder erlebt haben mag. Plötzlich und unerwartet meldet sich tiefe Trauer.

Vor ihm stehen zwei blonde Hünen, zwei Köpfe größer als der Rentner, aus einer 11. Klasse eines Gymnasiums in Lichtenberg. Ganz klein kommt der Rentner sich vor, als er die beiden fragt, ob sie noch den Begriff „Hamsterfahrt“ kennen. Doch, doch, sie wüssten Bescheid. Da fällt dem Rentner ein, gehamstert wurde auch im Osten und nicht nur in Westberlin während der Blockade. Plümper

Brennpunkt Berlin: Die Blockade Berlins, Henry Ries, Deutsches Historisches Museum, Hinter dem Gießhaus 3, Mitte Tgl. 10 – 18 Uhr

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