Was machen wir heute? : Die Braut einkleiden

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Sie arbeitet dicht am Schmerzzentrum der Braut, mit Nadelstichen auf Höhe des Herzens, mitten hinein in den weißen Stoff, der im Abschlussbild garantiert jeder Telenovela vorkommt. Es ist Juni, die Menschen studieren Reiseprospekte, sie essen Eis und sie heiraten, in dieser oder anderer Reihenfolge, und Friederike Jorzig näht die Kleider zur Liebe.

Besucht man sie in ihrem Schöneberger Atelier, ist es, als lerne man eine neue Sprache: Brokat, Duchesse, Fächerfalte, dazwischen runzelt sie die Stirn, wenn sich eine Falte einschleicht, wo sie nicht sein sollte. Eine Frau kommt, sie will das Kleid für die Tochter abholen, beim Namen muss sie sich verbessern, wie das Mädchen jetzt heißt, das ist noch ungewohnt, und beim Hinausgehen verbirgt sie das Kleid, „der Bräutigam steht vor der Tür, der darf nichts sehen“.

Als Friederike Jorzig heiratete, schneiderte sie sich das Kleid selbst, und ihr Mann, mit dem sie nicht nur lebt, sondern auch arbeitet, steckte ab. In ihr Atelier kommen meist nur die Bräute, und Friederike Jorzig kennt sie alle: diejenigen, die schon im Januar kommen, mit vier Freundinnen, einer Flasche Champagner und Jauchzern; die 60-Jährige auf der Suche nach einem Kleid; aber auch die Akrobatin, die sich ein wirbelaktives Gewand mit abnehmbaren Schleier für die Vorführung auf der eigenen Hochzeit wünscht. Und auch die Frauen, die nach der ersten Anprobe sagen, da habe sich nun doch etwas verschoben, und die einzige im Raum, die nicht begreift, dass da etwas ganz zerbrochen ist, ist die Schaufensterpuppe.

Dafür entstanden mit Hilfe eines Jorzig-Kleides: plus minus 1200 Ehen. Wie viele davon gehalten haben, kann man kaum fragen, die nächste Braut wartet bereits. Friederike Jorzig steckt ab, ihr Mann zeigt mögliche Farben, der kleine Sohn ist auch da, eine Nachbarin schaut zur Tür rein mit einer Frage zum Grillabend. Hier ist ein guter Ort, eine Ehe zu beginnen. Verena Friederike Hasel

„Chiton“ von Friederike und Robert Jorzig in der Goltzstraße 12 in Berlin-Schöneberg

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