Was machen wir heute? : Die Dinge durchschauen

Sonja Niemann

Kürzlich habe ich den hochgelobten Film „Juno“ gesehen. Auch mir hat er sehr gut gefallen, obwohl die schlagfertige, unbekümmmerte Protagonistin Juno so viel mit einem echten schwangeren Teenager gemein hat wie „Bauer sucht Frau“ mit Landwirtschaft.

Aber es ist ja nichts Neues, dass irgendwo nicht das drin ist, was draufsteht. Im Fernsehen ist es immer so. Schon in „Beverly Hills, 90210“ wurden Schulkinder von 30-jährigen dargestellt, weil Anfang der Neunziger noch kein wirksames Mittel gegen Akne erfunden war und echte Jugendliche einfach nicht gut genug aussahen. Ich war als Kleinstadtkind nach jahrelangem Konsum des SFB-Jugendmagazins „Moskito“ der Überzeugung, in Berlin gäbe es nur Punker und Diskos am Ku’damm. Und Horrorfilme behaupten bis heute, die wahren Plagen der Großstadt seien Aliens, Vampire und Zombies anstatt Straßenverkehr, bestreikte U-Bahnen und Straßenmusikanten, die ausschließlich „Besame mucho“ spielen.

Vor einigen Wochen war ich zum Mittagessen verabredet, und die Bekannte schlug einen neuen arabischen Imbiss vor. Den Namen wusste sie nicht, aber er sei nicht zu verfehlen: Pannierstraße, Nähe Maybachufer. Ich sah dort keinen Imbiss. Nur ein Edeka, einen Copyshop und eine Zoohandlung. Ich rief die Bekannte an: „Wie heißt der Imbiss, ich find den nicht!“

Es stellte sich heraus, dass der Imbiss die Zoohandlung war. Die neuen Besitzer hatten die Ladenräume übernommen und schön renoviert, es aber praktikabel gefunden, das alte Ladenschild einfach hängen zu lassen. Und daher heißt der Imbiss: „Vögel & Fische“.

Ich hätte es wissen müssen. In der Kreuzberger Kneipe „Möbel-Olfe“ kann man ja auch kein Schlafsofa kaufen, und im „Fuchsbau“ wohnen keine Füchse.

Und auch sonst kann man sich auf nichts mehr verlassen: Da, wo Ostern draufstand, war ja dies Jahr auch nur Weihnachten drin. Sonja Niemann

„Vögel & Fische“, Pannierstr. 26, im „Kreuzkölln“ von Neukölln

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