Was machen wir heute? : Die Flucht ergreifen

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Heike Jahberg

Vor einiger Zeit hatte ich an dieser Stelle über die Bauarbeiten in unserer Wohnsiedlung geklagt. Ich hatte über das allmorgendliche Hämmern, Sägen, den Lastenaufzug und die Betonmischmaschine geschimpft, die uns die Ferien ordentlich vermiest hatten. Was ich verschwiegen hatte war, dass die Bauleute immer wieder die Holzlatten wegräumt hatten, über die der Kater auf unseren Balkon spaziert („Wenn das ein richtiger Kater ist, dann kann er auch springen“). Die Ordnungsliebe der Bauleute hatte meine Nächte verkürzt: Zu Beginn der Ferien bin ich jeden Morgen um sechs aufgestanden, um den Catwalk in Sicherheit zu bringen und das Tier in die Wohnung zu lassen.

Doch nun muss ich Abbitte leisten. Denn kaum war die Kolumne erschienen, outete sich der Chef der Bauarbeiter als Leser dieser Zeitung und versicherte glaubwürdig, dass nicht seine Leute, sondern die Dachdecker Schuld am Radau seien. Die waren aber längst über alle Berge. Dass sie in der Zeitung erwähnt waren, sprach sich dann auch unter den Mitgliedern der Baukolonne herum. Von ihrer ungewohnten Berühmtheit angetan, fragten sie, ob ich eine Fortsetzungsgeschichte plane. Vielleicht mit Fotos? Eine ganze Fotostory vielleicht? Das erste Versprechen habe ich gehalten, das zweite nicht. Sorry.

Abbitte muss ich auch mit Blick auf den Kater leisten. Denn der Stress der vergangenen Wochen hat ihn zu ungeahnten athletischen Leistungen motiviert. Neulich saß ich auf dem Balkon und sah, wie sich zwei Vorderpfoten in die Balkonbrüstung krallten. Es war der Kater, der vom Boden auf den Balkon gesprungen war – den Catwalk lässig ignorierend. Die Bauarbeiter haben es gewusst. Nun sind sie weg.

Dafür sind schon die nächsten da. Mit Presslufthammer und lautem Getöse reißen sie den Bürgersteig in unserer Anlage auf. Jeden Morgen um sieben geht’s los. Uns bleibt bis zum Schulbeginn daher nur eines – die Flucht.

Sehr schöner Fluchtort: die Insel Lindwerder, Anreise mit dem Bus 218 ab S-Bahnhof Wannsee

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