Was machen wir heute? : Die ganze Welt besuchen

Ingo Wolff

Derzeit ist die Entscheidung für einen geeigneten Wochenendausflug nicht so einfach. Eigentlich sollte man die letzten Sonnenstrahlen ausnutzen und rausgehen. Dort ist es aber affenkalt. Was also, wenn die Nase schneller läuft als die Füße und der Husten der Familie den Vordermann vor Schreck ins Gebüsch jagt?

Einfach selbst ab in die Hecke. Und zwar in die bekannteste Hecke Marzahns. Uuii, denken Sie jetzt bestimmt, das ist ja ein toller Tipp. Ist es auch. Denn die steht mitten in den Gärten der Welt unweit des größten Chinesischen Gartens Europas und wurde in irrer Form angelegt. Ein Irrgarten nach dem Vorbild von Hampton Court. Ein Heidenspaß nicht nur für Kinder. Doch vor dem Verirren steht das Finden und zwar zu sich selbst. So steht es jedenfalls auf dem riesigen Bodenlabyrinth vor der Hecke. Ebenfalls mit berühmtem Vorbild: das Labyrinth der gotischen Kathedrale von Chartres in Frankreich. Der Weg zur Mitte ist der Weg zu sich selbst.

„Komm, du läufst hinter mir her“, sagt Leonie und stolziert wie eine Seiltänzerin die weißen Linien entlang. Immer tapfer ohne abzukürzen. Ich hinterher. Auch andere Väter trotten ihren Kindern nach – den Kopf achtungsvoll gesenkt, die Augen stur auf die Bögen am Boden gerichtet. Die Frauen dazu stehen fröstelnd am Rand. Sie haben den Weg zu sich selbst offenbar auch ohne weiße Linie und Kind vor sich gefunden.

Zweimal wären wir beinahe mit Querschlägern zusammengestoßen. Erwachsene, die einfach über die Linien spazieren, ihr Ziel wohl niemals findend. Vielleicht ist es ihnen auch egal. Uns nicht. Wir arbeiten uns mit jedem Bogen weiter dem Sinn des Lebens entgegen. Leider entfernt man sich von Zeit zu Zeit wieder vom Ziel. Diese Linien sind schon verwirrend angelegt. Doch am Ende fühlen wir uns fit für die nächste Prüfung. Jetzt dürfen wir uns endlich verirren, und im Irrgarten des Lebens vergessen wir sogar für kurze Zeit unseren Husten und Schnupfen.Ingo Wolff

Erholungspark Marzahn, Eisenacher Straße und Blumberger Damm, Erwachsene 3 Euro, Kinder 1,50, tgl. 9 bis 18 Uhr (ab Nov: 16 Uhr)

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