Was machen wir heute? : Die Revolution anschauen

Wie ein Rentnerdie Stadt erleben kann

PlümperD

Die Freunde stehen vor der Open-air-Ausstellung „Friedliche Revolution 1989/90“ auf dem Alex. Fotos, Flugblätter und andere Dokumente zeigen auf großen Stellwänden die Vorgänge, die zur Vereinigung geführt haben. Die berühmten Fotos der Erschießung von Peter Fechter oder des Mauerfalls beeindrucken, aber hier wird die Revolution gezeigt, eine Revolution durch und für das Volk, gegen Machthaber, deren Legitimation schon verlorengegangen war und die sich nur noch mit Gewalt - seien es die russischen Truppen, die Volkspolizei oder die Stasi - halten konnten. Typisch dafür ist ein scheinbar nebensächliches Foto: Ein junger Mann zeigt den Vopos einen Vogel. Zwei Vopos stehen vor Ungläubigkeit und ängstlichem Entsetzen die Münder offen. Die Bilder mutiger Demos und Einzelaktionen beweisen, dass es sich bei der Vereinigung nicht um einen „Anschluss“ handelte.

Die Ausstellung ist unübersichtlich, es wird eine Überfülle von Material ausgebreitet. Aber der Ort wie auch ihre Offenheit machen die Ausstellung zu einem Erlebnis. Viele Menschen stehen vor den Wänden, Fremde kommen miteinander ins Gespräch.

Der Rentner erinnert sich: Jetzt, erst jetzt ist der Krieg zu Ende, waren seine Worte am Morgen des Mauerfalls. Ein Freund sagte genau dasselbe. Blockade, Stress mit den Vopos, Mauerbau, überhaupt der kriegerische Gegensatz zwischen Ost und West - in Berlin hatte der Krieg nie ganz aufgehört. Lange sitzen die beiden Freunde dann vor dem Brunnenbecken direkt unter dem Fernsehturm. Erstaunen, was diese Fontänen alles können: Wasserstrahlen, lange, kurze, wackelnde, hohe, kleine, dann völlig Stille, dann wieder etwas Neues. Schön sei´s, meint der Künstlerfreund, aber verglichen mit dem Neptun-Brunnen auch in Reih und Glied wie die Stadionaufmärsche der DDR mit ihren freudig die Arme schwenkenden Menschen vor den Tribünen. Plümper

Friedliche Revolution 1989/90, Alexanderplatz, hinter der Weltzeituhr (bis 14.11.)

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