Was machen wir heute? : Die Stasi belauschen

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann.

Jochen Schmidt

Die Arbeit eines Geheimdienstes ist schon eine mühevolle Sache, da man das Leben ja nicht anhalten kann, und ständig neue Informationen ausgewertet werden müssen. Für „Wo sind wir bloß hingekommen? – Die letzten Monate der Stasi im Originalton“, einem Radiofeature von Elke Kimmel und Marcus Heumann, wurden Tonbänder ausgewertet, auf denen die Stasi ihren eigenen Telefonverkehr dokumentiert hat.

Das Feature lässt sich als Livestream am Computer hören, setzt man sich dazu Kopfhörer auf, hat man den Eindruck, den Spieß einmal umzukehren und die Stasi selbst zu belauschen. Die echten Stimmen zu hören, den Tonfall, die dialektale Färbung (selbst die Berliner scheinen irgendwie zu sächseln), die wachsende Ratlosigkeit, den wenigsten Menschen dürfte es vergönnt sein, den Geheimdienst, der sie ausspioniert hat, so hilflos zu erleben.

Anrufe aus der Bevölkerung oder von Mitarbeitern im Land treffen ein, man hat das Gefühl, hier sitzt jemand im Bunker und versucht sich ein Bild zu machen, während draußen, in der grundsätzlich feindlichen Umgebung des eigenen Landes, so wichtige Informationen gesammelt werden, wie: „10.08 Uhr wurde am Amtssitz des Staatsrates ein Plakat angeklebt“. Rührend, wie unbeholfen ein Mitarbeiter den Wortlaut der Transparente einer der genehmigten Demonstrationen im Land durchgibt: „130 000 Stasiknechte haben keine Sonderrechte“.

Zunehmend werden die Genossen fatalistisch. Man spricht sich Mut zu und verabredet sich schon mal für das Zivilleben. Wie heißt man denn nun eigentlich? Amt für Nationale Sicherheit? Amt für Verfassungsschutz? „Ich muss bloß horchen, ob ihr noch da seid...“, sagt ein Anrufer am Ende. Man könnte sich vorstellen, dass dort immer noch jemand sitzt und kopfschüttelnd Anrufe mit Neuigkeiten aus der Außenwelt entgegennimmt.

Das Feature „Wo sind wir bloß hingekommen?“ steht auf http://www.dradio.de/dlf/sendungen/dasfeature/1058596/

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