Kultur : Was machen wir heute?: Die Welt deuten

Rainer Hank

Berlin ist eine Hauptstadt, wie viele Städte dieser Welt. Mit Parlament (eines), Opern (drei), Kirchen (viele) und ordentlichen Restaurants (mehr als viele). Aber Berlin hat etwas, was keine andere Großstadt hat: eine Urania. Was das ist? Das weiß ich auch nicht, aber nähern wir uns der Antwort. Ein erster Hinweis weist auf die Muse der Astronomie. Das kann noch nicht die endgültige Lösung sein, aber immerhin der Hinweis darauf, dass die Urania etwas mit Weltdeutung zu tun hat.

Das Gebäude kenne ich gut: Es steht an jenem zugigen Platz ungefähr auf halbem Weg zwischen Tagesspiegel und KaDeWe. Die Adresse heißt originellerweise An der Urania 17. Auf die Internetseite habe ich auch schon geschaut, aber die ist leider im Moment under construction. Vielleicht, weil zwischen den Jahren die Leute auch ohne die Urania mit Weltdeutung beschäftigt sind. Ein gedrucktes Programm belehrt, dass man in der Urania Vorträge hören kann "zu neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, gehalten von Referenten, die selbst diese neuen Ergebnisse gewonnen haben". Donnerwetter. Das ist außerdem ziemlich preisgünstig. 9,50 Mark kostet ein Vortrag. Für Mitglieder oder die Begleiter von Mitgliedern gibt es sogar einen Discount. Und diese Urania gibt es seit 1888. Merkwürdig ist es schon, dass in Zeiten von Kerner, Christiansen und den Chat-Räumen des Internets solche Sprechhallen noch funktionieren. Vielleicht gerade deshalb?

Die Broschüre des Urania-Programms ist jedenfalls allein für Januar und Februar 106 Seiten stark. Sie glauben nicht, was da alles an "neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, gehalten von Referenten, die selbst diese neuen Ergebnisse gewonnen haben" präsentiert wird: Am 4. Januar gibt es zum Beispiel Aufschlüsse über die Entwicklung der altägyptischen Hochkultur. Mit Dias, einem Medium, das man auch vom Aussterben bedroht wähnte. Wir hätten freilich auch die Wahl, am selben Tag uns über die "Lebenskunst in der Großstadt" (von Dr. habil. Wilhelm Schmidt) informieren zu lassen oder einen Film über Leni Riefenstahl anzusehen. Für Riefenstahl scheinen zur Zeit sich wieder viele Menschen zu interessieren. Aber vielleicht warten wir lieber auf den 5. Januar, wenn verborgene Kräfte aus der Schatzkammer des Unbewussten offenbart werden oder Professor Dr. Horst Mahlberg über den 100-jährigen Kalender und den Einfluss des Mondes auf unser Wetter doziert. Da nähert sich die Urania wieder ihrer Urspungsbedeutung.

Haarausfall, Asthma, die Kriegsziele der deutschen Wirtschaft im Zweiten Weltkrieg; irgendwie ist für jeden etwas dabei. Ein wenig erstaunt war ich freilich, für den 27. Februar die Ankündigung meines eigenen Vortrags im Programm zu finden, ohne dass mir das je mitgeteilt wurde. Aber ich habe das sogleich entschuldigt und mir den Termin im Kalender notiert: Wo die Urania so viel Vielfalt bietet, kann man nicht jeden Beiträger immer rechtzeitig informieren.

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