Was machen wir heute? : Die Welt durchqueren

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Susanne KippenbergerD

Eine Villa im Grünen, mit großer Terrasse,/vorne die Ostsee, hinten die Friedrichstraße“, so hat Tucholsky den Berliner Größenwahn verspottet: „Ja, das möchste.“

Aber was, wenn Berlin tatsächlich so ist.

Meine Altbauwohnung mit grünem Hinterhof hinter mir, vor mir der Tiergarten, ein englischer Park, der nach dem großen Regen wie ein Dschungel erscheint, und dahinter die Oranienburgerstraße. Eine Touristenmeile, aber mittendrin – Ecke Tucholskystraße – C/O Berlin, ein Postfuhramt, das zum Fotomuseum geworden ist. Auch eine schöne Unmöglichkeit. Innendrin zurzeit ganz viel Amerika, ein tristes, gewaltiges, lustiges und auch wieder berührendes Land, Bilder einer interessanten Ausstellung.

Die USA liegen nur ein paar Schritte von Frankreich entfernt. Zufällig stolpern wir in das Lokal, dessen Name ungefähr so dialektisch ist wie Tucholskys Ostsee mit Friedrichstraßenanschluss: „Nord-Sud“ heißt das Restaurant, das an eine Strandkneipe in der Bretagne erinnert. Die Holztische äußerst schlicht, der Paravent an der Kühltheke irgendwie deplatziert, die Beleuchtung ein Witz, eher düster als hell, aber très französisch: runde Lampen in Weiß, Rot, Blau. Im Fenster spiegeln sie sich wie Lampions.

Der Kellner in seinem kurzärmligen karierten Hemd, leicht vornübergebeugt, flink, und doch irgendwie nicht wie ein Kellner. Eine Speisekarte gibt es nicht, der Patron, denn das ist der Kellner (und Koch ist er auch), trägt vor, was auf seinem Blöckchen steht, drei Menüs für 7,50 Euro. Wir glauben, uns verhört zu haben, der Wirt spricht sehr französisch, wir verstehen nur jedes dritte Wort, aber er hat seinen Spaß dabei, wir auch. Eine Kleinigkeit wollen wir nur, nehmen eine Vorspeise, eine Pastete, mal Fisch, mal Fleisch, die wirkliche Klitzekleinigkeiten sind, selbst die drei Gürkchen dazu haben Bonsaiformat, sehr fein. Der Wein kommt, wie in der Strandkneipe der Bretagne, im Ballonglas.

Von hier ist es dann auch nicht mehr weit bis zur Friedrichstraße. Susanne Kippenberger

Nord-Sud, Auguststr. 87; C/O Berlin: Deutsche-Börse-Fotopreis und -Sammlung, bis 19.7.

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