Was machen wir heute? : Ein Baumhaus entdecken

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann: mit der Verkehrskanzel am Joachimstaler Platz.

Verena Friederike HaselD

Bei all den Geschichten zum 9. November ist eine unerzählt geblieben, und das ist die einer Wendeverliererin aus West-Berlin, einst im Zentrum des Geschehens und nun vergessen, es ist die Geschichte der Verkehrskanzel am Joachimstaler Platz. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ – dieser Satz wird Gorbatschow zugeschrieben, vielleicht hat ihn auch ein West-Berliner Flaneur mitten im Kalten Krieg angesichts der Verkehrskanzel gesagt. Mitte der 50er Jahre errichtet, damit ein Polizist von ihr aus den Verkehr regeln konnte, war sie Anfang der 60er bereits unbrauchbar, denn die Ampeln liefen nun automatisch. Die Kanzel – in Mitteilungen vom Bezirksamt als „hässlicher Zweckbau“ bezeichnet – hatte keinen Daseinszweck mehr außer dem, den ein Bauwerk in Berlin allemal findet: Sie wurde Objekt langwieriger Diskussionen darüber, ob man umnutzen oder abreißen solle, ob man sich Ersteres leisten könne und Letzteres zweckmäßig sei. Wie immer gab es viele Ideen. Ein Künstler wollte sie zum „lichtkinetischen Objekt“ aufrüsten, ein Bismarck-Denkmal, eine Platanenpflanzung sollten an ihre Stelle, und zur 750-Jahr-Feier der Stadt sollte ein Informationszentrum zu Gegenwart und Geschichte Berlins sie ersetzen. Wie immer passierte am Ende nichts, die Kanzel blieb stehen, viereinhalb Meter über der Erde, und war mir Stadtkind eine ähnliche abenteuerliche Verheißung wie ein Baumhaus im Wald.

Inzwischen ist die 750-Jahr-Feier selbst Geschichte, und die Gegenwart der Stadt ist umgezogen in den Ostteil. Die Diskussionen „Umnutzen vs. Abreißen“ finden nun dort statt und womöglich ist die Verkehrskanzel, seit 1989 unter Denkmalschutz, doch eine Wendegewinnerin. Während der Palast der Republik abgerissen wurde, darf sie sich von Bäumen zuwachsen, von Laub umhüllen lassen wie ein vergessenes Baumhaus im Wald. Verena Friederike Hasel

15 Schriftstellerinnen haben die Kanzel erklommen und dort oben Geschichten geschrieben, nachzulesen in „Kanzlerinnen, schwindelfrei“, Transit-Verlag, 135 Seiten, 14,80 Euro.

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