Was machen wir heute? : Eine Kerze besiegen

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Berlin gibt immer den Ton an“, heißt ein Buch des Schweizer Schriftstellers Robert Walser. Vor etwa 100 Jahren hat er es verfasst. Walser ist einer meiner Lieblingsautoren, aber seine Einschätzung Berlins teilt heute leider kaum mehr jemand: In Schanghai soll es Werften geben, in denen täglich mehr Öltanker gebaut werden, als in Berlin S-Bahn-Züge verkehren. Und wer nicht bereits als Säugling Mandarin lerne, werde es zu nichts bringen, sagen Berliner Eltern: China gilt als die neue Hegemonialmacht.

An mir ging diese Entwicklung bisher vorbei. Aber neulich suchte ich ein Geburtstagsgeschenk für eine gebildete Freundin. Und fand in einem Asiashop eine Pappschachtel mit der Aufschrift „Intellectual Birthday Candle“. Made in China. Keiner auf der Geburtstagsparty hatte so etwas je gesehen. M., das Geburtstagskind, hielt ein Feuerzeug an die intellektuelle Kerze. Nichts geschah. Schade. Wir entdeckten einen Beipackzettel. Man muss erst irgendwo draufdrücken und die Kerze danach anzünden. Bingo! Jetzt faltete sich das Ding auf wie eine Lotusblüte, Flammen züngelten und es erklang „Happy Birthday“. M. lächelte gerührt.

Genau genommen, war es eine Variation, wahrscheinlich mit Anleihen an die Zwölftonmusik. Gute Kunst muss Wahrnehmungsgewohnheiten brechen, und die Chinesen sind auch da ganz weit vorne.

Alle auf der Party fanden die Kerze toll. Etwa eine Stunde lang. Dann begann das Gedudel zu nerven. Wir schmetterten die Kerze auf den Küchentisch. „Happy birthday to you!“, dudelte sie. Und auch nach ausgiebigem Waterboarding musizierte sie weiter. Chinesische Wertarbeit hält allem Stand. Früh und erschöpft ging ich nach Hause.

Am nächsten Morgen erreichte mich eine E-Mail. Sie habe die Kerze besiegt, schrieb M. Um halb vier Uhr morgens. Mit einer Schere habe sie alle Drähte durchgeschnitten. „Nochmals vielen Dank“, schrieb sie. „Wirklich ein sehr lustiges Geschenk!“ Till Hein

Robert Walser: „Berlin gibt immer den Ton an“, 178 Seiten, 8 Euro; Insel Verlag

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