Kultur : Was machen wir heute?: Einen Marktplatz entdecken

Dagmar Dehmer

Wer meint, der Berliner Osten sei nicht gerade Multi-Kulti, irrt. Zumindest in Friedrichshain. Zweifler müssen nur mal einen Ausflug auf den Wochenmarkt auf dem Boxhagener Platz machen, am besten am Samstag. Da gibt es nicht nur alles, was der Mensch nicht unbedingt braucht. Die Waren werden auch von einer bunten Schar von Händlern angeboten.

Längst haben sich die türkischen Gemüsehändler in den Osten getraut. Sie bieten im Sommer zwei Schalen Erdbeeren für fünf Mark an, im Winter gibt es dafür zwei Kilo Orangen. Am günstigsten sind sie gegen Mittag, wenn die Studenten und zugezogenen Westdeutschen endlich ausgeschlafen haben und den Markt stürmen. Dann ist den Händlern die Zeit lang geworden, im Winter haben sie auch einfach genug gefroren.

Der Friedrichshainer Markt hat aber viel mehr zu bieten. Allein an vier Ständen gibt es ökologisch erzeugte Lebensmittel. Zum Beispiel von dem Mann mit Hut, Bart und grüner Schürze, der glaubhaft versichert, ausschließlich eigene Produkte zu verkaufen. Der Stand ist aufgeräumt. Im Winter hat er nur noch Äpfel, Apfelsaft, Kartoffeln und typisches Wintergemüse wie Rote Bete. An seinem Stand lassen sich die Jahreszeiten am besten ablesen.

Seine Kollegen sind da nicht so puristisch. Der charmanteste von ihnen lässt sich von mehreren Bauern beliefern. Deshalb hat er auch immer etwas anzubieten. Und ein echtes Verkaufstalent ist der junge, blasse Blondschopf auch. "Nehmen Sie doch den Rest Rucola mit." Ein Preisabschlag sei kein Problem, "sonst kriegen es die Schweine". Okay, die verdienten auch mal was Feines, "aber ich bin mir nicht sicher, ob sie das zu schätzen wissen". Wer es schafft, ohne prall gefüllte Taschen weiterzugehen, muss gegen Vitamine und Argumente immun sein.

Nebenan versucht eine Frauenkooperative mit eher herbem Charme ihre Waren an die Friedrichshainer zu bringen. Weil es sich um eine internationale Bäuerinnen-Gruppe handelt, sind auch exotische Früchte im Angebot. Ananas spricht doch irgendwie auch für sich selbst.

Um sie herum breiten vietnamesische Kleiderhändler ihre Ware aus. Offenbar müssen sie irgendwelche Kunden haben, sonst würden sie ja nicht jede Woche wiederkommen. Nur, wen? Die Berge von Pullovern bestehen aus zweifelhaften Materialien, die Farben sind gewöhnungsbedürftig, immerhin, "das haben wir auch in Rosa", preist ein junger Mann seiner Kundin die Ware an: Kostet nicht 40, nicht 30, sondern nur 20 Mark, und einen zweiten gibt es noch dazu.

Einer seiner Kollegen bietet Hausschuhe an - mit Bommeln und mit Hasenohren. Eigentlich müssten die Dinger rund um den "Boxi" Hausverbot haben. Na ja, zumindest einen Nutzen haben die Schuhe: Wenn der Händler sie sich über die Hände streift, fallen sie ihm an einem langen Markttag nicht vor Kälte ab. Und über die Ohren gestreift, sperren sie vielleicht auch die Schlager aus, die aus den Lautsprechern des Nachbarstandes plärren.

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