Was machen wir heute? : Elitär werden

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann - in der Astor Filmlounge.

Anselm Neft

Ich sitze im Berliner Ensemble unter prachtvoller Kuppel. Polt spielt auf. Dazu die Biermösl Blosn. Das könnte nett sein. Aber ich habe günstige Karten für die letzte Sitzreihe erworben. Dahinter gibt es noch eine Stehreihe. Eine Frau atmet und lacht mir in den Nacken. Sie hat eine Asia-Pfanne mit Huhn gegessen. Der korpulente Herr neben mir kratzt sich unentwegt. Alle paar Minuten zieht er seine Nase hoch. Seine weibliche Begleitung wiederholt die Pointen, die sie verstanden hat. Zum Glück sind das nicht viele. Ich versuche, aus dem Sitzen inmitten von Geräusch und Geruch eine stoische Übung zu machen. Kurz scheint mein innerer Marc Aurel die Oberhand zu gewinnen, dann aber sind da wieder diese Massaker-Bilder: ein wildes Kind mit der Kraft eines Erwachsenen, das Menschen im Theater zusammenschlägt.

Ähnliche Bilder bedrängten mich letzte Woche in einem anderen Schauspielhaus. Ich war in eine Aufführung mit acht oder neun Schulklassen geraten. Hormonbomben, für knapp drei Stunden auf Stühle gezwungen, immer kurz vorm Platzen. Vier Tage davor war ich im Kino gewesen. Immer derselbe Fehler: Ich vergesse, dass Leute im Kino Dinge essen, deren Geruch mich in meine Alpträume verfolgt.

Trotz aller Wut auf die Leute gebe ich mir selbst die meiste Schuld. Entweder man ist so empfindlich und bleibt zu Hause, oder man geht unter Menschen und akzeptiert sie, wie sie sind – denke ich. Dann wieder denke ich: Geld. Es gibt nur einen guten Grund, sehr viel Geld zu verdienen: Sich andere vom Leib halten zu können, wenn man es möchte. Chauffeur statt U-Bahn, Loge statt Parkett, Grunewald-Villa statt Mietskaserne. Verdammt, so einer bin ich also. Schrecklich.

„Dramatisier das nicht so“, sagt eine Freundin. „Es gibt Kompromisse.“ Dann erzählt sie von einem Kino, luftig, leis‘ und ohne Werbung. Ein Ort, wo gesittete Menschen des Popcorns entraten, und flauschige Sessel auch Menschen mit großer Aura Platz bieten. Anselm Neft

Astor Filmlounge. Kurfürstendamm 225

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