Kultur : Was machen wir heute?: Feste an Seeufern feiern

Harald Martenstein

Deutschland im Sommer, ein zerrissenes Land. Die einen sagen: "Pfui, Chlorwasser. Ich bade im See, es lebe die Natur." Andere wieder sagen: "Nieder mit dem Seewasser, vollgeschmoddert mit Salmonellen, Schlamm-Aalen und Killeralgen. Nur ein von Menschenhand erbautes Schwimmbad entspricht der Menschenwürde." Der Riss geht oft mitten durch die Familien. Was sagt die Politik? Die CDU war immer Anwältin der Chemieindustrie, Richard von Weizsäcker hat sogar mal für Böhringer gearbeitet. Das C in CDU steht insofern auch für Chlor. Die SPD als Partei des öffentlichen Dienstes gehört zu den traditionellen Verfechtern des Freibadgedankens, egal, ob in See- oder Chlorwasser. Wir aber sind liberal, das Kind und ich, wir stürzen uns wahllos in alles Nasse, solange keine Blutegel darin schwimmem.

Am vergangenen Wochenende waren wir in der Jungfernheide. Für einen Besuch in der Jungfernheide spricht, dass es dort einen See mit zwei Badestellen und mehrere mittelgroße landschaftliche Schönheiten gibt. Im Seebad begann gerade eine Soul-Party. "Komm", sagte ich zum Kind, "wir schauen uns jetzt mal an, was eine Soul-Party ist. Ich weiß es nämlich selber nicht genau."

Bei der Soul-Party stellten dunkelhäutige Menschen die Mehrheit. Es waren fast alles Berliner. Das merkte man daran, dass sie berlinerten wie die Weltmeister oder Frank Steffel. Bezahlt wurde an den Ess- und Trinkständen nicht in D-Mark, sondern mit Papier-Dollars, die man sich an einer Wechselstelle eintauschen musste. Für diese Dollars kriegte man Caipirinhas und Bagels und andere soulige Sachen, dazu blies aus den Lautsprechern heftig die unsterbliche Soul-Musik. Von Zeit zu Zeit fuhren Reisebusse vor dem Schwimmbad vor, aus denen Scharen gutgelaunter dunkelhäutiger Berliner berlinernd herauskletterten. Andere rauschten in Cabrios mit Heckflossen an und trugen breitkrempige Hüte.

Ein deutsches Volksfest. Kuhle Wampe 2001, die Soul-Version. Es ist immer seltsam, wenn die Mehrheitsverhältnisse einmal anders herum sind, die Hellhäutigen in der Minderheit. Man bekommt in solchen Situationen ein Gefühl dafür, wie die anderen sich fühlen, diejenigen, die an den meisten Tagen des Jahres in der Minderheit sind. Das Minderheits-Gefühl. Aber wahrscheinlich merkt man gar nichts mehr, wenn man daran gewöhnt ist. Dem Kind jedenfalls fiel überhaupt nichts auf. Das ist für die Kinder von heute längst Alltag.

Die Musik war laut. In einer Ecke saßen drei dunkelhäutige Deutsche und brüllten sich an. Sie riefen Zahlen: "Achtzehn!" "Zwanzig!" Sie spielten Skat. Wir gingen nach Hause, weil es kühl wurde, und ich dachte: "Na, diese ganze Leitkultur- oder Einwanderungs-Debatte ist vollkommen akademisch. Genauso gut könnte man versuchen, ein Alster wieder in Limo und Bier aufzuteilen. Da hätte weder die Limo noch das Bier was davon." Mal sehen, welche Seefeste in diesem Wochenende gefeiert werden.

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